Der Kater sitzt am offenen Fenster und schaut auf die Straße hinaus. Es ist ein ganz normaler, trister Herbsttag. Laub liegt im Vorgarten und auf dem Gehweg, der Himmel ist grau, gelegentlich weht ein leichter Wind und es fallen Regentropfen.
„Hörst du das?“, fragt mich der Kater und dreht sich zu mir um.
„Was meinst du?“, frage ich zurück, stehe aus dem Sessel auf und gehe zu ihm ans Fensterbrett, „Ich hör nichts.“
„Das ist die Stille Revolution.“
Die Stille Revolution
Intoleranz
„Ihr Menschen.“, schimpt der Kater, der es sich vor meinem Laptop gemütlich gemacht hat, „Bekämpt Intoleranz mit Intoleranz gegenüber den Intoleranten.“
„Was?“, rage ich, eine Tasse Tee und ein Lachsbaguette au einem viel zu kleinen Tablett durch den Türrahmen balancierend.
„Das ist doch paradox, oder?“
„Ähm.“, ich stelle Tee und Baguette au den Schreibtisch, „Was genau meinst du?“, rage ich den Kater. Der übergeht meine rage und schnappt sich das Baguette. Mit vollen Backen geht seine Schimptirade weiter: „Wie ich diese Menschen verachte, mit ihrer vermessenen Ignoranz. Glauben, ihr Weg sei der Beste. Verschwenden keinen Gedanken daran, dass ihre Werte nicht die einzig richtigen sein könnten, nur weil sie sie von Geburt an beigebracht bekommen und nicht den Weitblick haben, um über den verdammten eigenen Tellerrand hinauszublicken.“
ür einen Augenblick herrscht stille. Der Kater wendet sich wieder dem Laptop zu und beißt gelegentlich von dem Baguette ab, das eigentlich mein Abendessen hätte werden sollen.
„Hier!“, rut er au einmal vollkommen unvermittelt, „Schau dir das mal an. Nerg19 schreibt: Meiner Meinung nach sollte man intolerante Menschen nicht tolerieren. Warum sollte ich jemanden tolerieren, der meine Ansichten nicht toleriert?“, der Kater schlägt den Kop gegen die Tastatur. Einmal, zweimal, dreimal. Die Sache ist klar, er treibt sich mal wieder in den alschen oren herum. Das endet meistens so. Nicht mehr lange, und ich kann mir einen neuen Laptop zulegen. Der Buchstabe rechts neben dem D hat dem Kater sei Dank schon lange den Dienst quittiert. Wenn das so weitergeht, kann ich bald nicht mehr vernüntig Tippen.
Ich nehme einen Schluck Tee, stelle die Tasse wieder au den Tisch, schaue den Kater an und lege meinen Kop leicht schräg, „Das ist jetzt aber schon ein wenig intolerant von dir, indest du nicht?“
Kuchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen
Es ist früh am Morgen. Als ich den Rollladen in der Küche nach oben ziehe, fallen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne in das Zimmer und blenden mich. Ich kneife die Augen zusammen. Kaffeemaschine. Ich taste nach der Kaffeemaschine, fülle Wasser ein und suche im Schrank nach den Filtern, während sich meine Augen langsam an das Licht gewöhnen. Dann öffne ich die Dose mit dem Kaffeepulver. Leer. Sie ist Leer. Gestern Abend war sie noch voll.
Hinter mir taumelt der Kater durch das Esszimmer und stößt dabei einen Stapel Zeitschriften um. Er gähnt und trottet weiter bis zu mir in die Küche.
„Du, sag mal“, frage ich ihn, „hast du den Kaffe leergemacht?“
„Ich?“, er reibt sich die Augen, „Warum schiebst du eigentlich immer alle Schuld auf mich? Hast du mal daran gedacht, dass auch dein werter Herr Papa den Kaffee leergemacht haben könnte?“
Ich nehme mir ein Stück Kuchen und setze mich resigniert an den Küchentisch. Den Kopf zwischen den Händen starre auf die Tageszeitung am anderen Ende des Tisches.
„Was ziehst du denn bloß für ein Gesicht?“, fragt mich der Kater, „Ist irgendwas passiert?“
„Ach, nichts.“, sage ich.
„Sicher nicht?“
„Ich will nicht drüber reden.“
„Kopf hoch, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Dann gibt’s auch wieder Kaffe. Bis dahin kommst du schon irgendwie über die Runden. Warte, ich hol dir die Zeitung.“
„Danke.“, sage ich zu ihm, während er mir die Zeitung vom anderen Ende des Tisches bringt. Als er sie mir neben den Teller legt, fällt sie auf den Boden. Ich seufze.
„Du darfst das Leben nicht so tragisch sehen. Du stehst immerhin am Anfang eines neuen Tages. Wer weiß, was da noch alles passieren kann.“
„Du hast ja recht. Man weiß nie, was einem das Leben bringt.“, sage ich, während ich mich nach der Zeitung bücke.
„Oder was es einem nimmt.“, ergänzt der Kater.
Als ich wieder auf dem Stuhl sitze, ist er vom Tisch verschwunden. Ich schlage die Zeitung auf und greife nach dem Stück Kuchen, aber meine Hand langt ins Leere.
Sterne
Nachdem man uns um fünf Uhr in der Früh aus der Kneipe geschmissen hat, gehen der Kater und ich durch die verschlafenen Straßen der Stadt spazieren. In der Ferne zeichnet sich blass das Rot der aufgehenden Sonne am Horizont ab.
„All die Sterne“, lallt der Kater, „Sie verschwinden.“
„Keine Sorge.“, sage ich zu ihm, während ich mit Mühe versuche, einen Fuß vor den anderen zu setzen, „Morgen sind sie wieder da.“
„Einen ganzen Tag ohne Sterne.“, der Kater lasst träurig den Kopf hängen, dann lässt er sich, an einen Zaunpfahl gelehnt, zu Boden sinken. Mit großen runden Augen schaut er nach oben in den Himmel. „Wir sind so klein.“
„Du meinst, du bist so klein. Ich bin fast eins-sechzig.“, er reagiert nicht, „Oh.“, sage ich dann, „So meinst du das.“
„Warum sind wir eigntlich hier?“
„Warum versetzt Alkohol dich eigentlich immer in diese furchtbar philosophische Stimmung?“
Der Kater wirft mir einen verständnislosen Blick zu.
„Weißt du“, sage ich nachdenklich zu ihm, „Vielleicht sind wir hier, weil es sonst niemanden gäbe, der sich fragen würde, wo die Sterne den ganzen Tag über bleiben.“
Lügenkater
Es ist sieben Uhr morgens, als ich auf der Suche nach dem letzten Stück Kuchen und einem schön heißen Kaffe vollkommen verschlafen in die Küche komme. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine, friemel einen Filter rein, kippe wahllos gemahlenen Kaffee hinterher, fülle den Tank mit Wasser und drücke auf den kleinen runden Knopf.
Dann drehe ich mich zum Kuchen. Auf der Platte, auf der eigentlich das letzte Stück liegen sollte, sitzt der Kater inmitten von Kuchenkrümeln. Ich seufze.
„Du hast nicht zufällig gerade das letzte Stück Kuchen gefuttert?“, frage ich. In meiner Stimme schwingt vergleichsweise wenig bis gar keine Hoffnung mit.
„Nein. Warum?“, fragt der Kater. Die Unschuldsmiene in seinem Gesicht wirkt nicht mehr wirklich überzeugend, nach den sechs Monaten, die ich mich schon mit ihm rumschlage.
„Ach“, sage ich, „War nur so eine Idee. Weißt du, eigentlich sollte da, wo du jetzt gerade sitzt ein wunderbares Stück Marmorkuchen auf mich warten.“
„Hmm.“, der Kater setzt eine Nachdenkliches Gesicht auf, „Tut mir Leid, ich kann dir in dem Fall leider wirklich nicht weiterhelfen.“
„Hat man dir eigentlich beigebracht, dass du nicht lügen sollst?“
„Nein. Warum?“
„Das gehört sich nicht. Außerdem grenzt es an Dummheit, wenn du sogar dann versuchst, damit durchzukommen, wenn vollkommen klar ist, dass nur du den Kuchen gegessen haben kannst. Außerdem weißt du doch, wie wichtig mit ein ehrliches und offenes Verhältnis ist“
„Vielleicht bist du ein Schlafwandler und hast ihn im Schlaf verdrückt?“, er macht eine gewichtige Pause, um seine geniale, vollkommen plausible These zu untermauern, „Außerdem“, fährt er fort, „Ist Lügen äußerst bedeutend in und für unsere heutige Gesellschaft und das soziale Miteinander.“
„Ach.“
„Stell dir vor, du wüsstest, dass ich heimlich die Platte von Sade verkauft habe, die du schon so lange suchst, dass ich es war, der ausversehen das Wasserglas über deine Kunstmappe gekippt hat, der diese peinliche Kontaktanzeige für dich geschaltet und der die Rechnung, die erste und die zweite Mahnung von deiner letzten Bestellung verschlampt hat. Nachdem ich sie vorbildlicherweise reingebracht hatte. Oh, und stell dir vor, du wüsstest, dass ich dir das letzte Stück Kuchen heute vor der Nase weggefuttert habe. Da wärst du bestimmt tierisch sauer auf mich. Du würdest mich durch die halbe Wohnung jagen, mich vor die Tür setzen, mich nie wieder reinlassen. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn ich dir verraten, wo die verschwundene Hälfte von deinem Taschengeld steckt. Na ja, aber so geht’s uns doch super. Du weißt nichts davon, ich habe keine moralischen Gewissensbisse und wir können in friedlicher Koexistenz zusammen unter einem Dach leben. Toll, oder?“, der Kater schaut mit einem durchweg zufrieden Gesichtsausdruck zu mir hoch. Mit der rechten Hand taste ich hinter meinem Rücken nach dem Deckel der Kuchenplatte.
Notenvergabe
Ich knalle mein Deutschheft auf den Tisch. Der Kater zuckt erschrocken zusammen.
„Was soll das denn?“, fragt er und beißt wieder von seinem Lachs-Baguette ab.
„Frau Moritz.“, sage ich.
„Frau Moritz?“, fragt der Kater.
„Frau Moritz.“, sage ich, „Meine Deutschlehrerin.“
„Aha.“
„Heute haben wir von ihr die Klausur zurückbekommen.“
„Und?“
„Geht. Neun Punkte. Nicht das Beste, aber ich bin zufrieden.“
„Warum dann dieser unglaublich unzufriedene Gesichtsausdruck?“
„Die Frau hats einfach nicht drauf. Darum der Gesichtsausdruck. Zwei aus meinem Kurs hatten im Schnitt 7,5. Der eine hat 7, der andere 8 bekommen.“
„Noten werden pädagogisch gegeben, und nicht errechnet.“, sagt der Kater, während er auf dem Baguette kaut.
„Ja, ja, ich weiß. Das haben wir uns auch schon anhören müssen.“, sage ich, „Aber wenn die erste Teilaufgabe mit 40 Prozent und die zweite mit 60 Prozent gewichtet wird, man in beiden 6 Punkte hat und in der Endnote trotzdem nur fünf bekommt, kann doch nur irgendwas nicht stimmen.“
Der Kater schluckt seinen übergroßen Bissen runter.
„Als sich Heike dann bei ihr beschwert hat, hat sie das ganze noch mal mit nem Taschenrechner nachgerechnet. Nachgerechnet!“, ich bin außer mir, „Und letztes Mal hat sie Erich 14 Punkte gegeben, obwohl er in den Teilaufgaben 13, 11 und 12 hatte.“
„Na ja, sie ist wohl nicht ohne Grund Deutschlehrerin geworden. Da braucht man keine Mathematischen kometenzen.“
„Soziale, pädagogische oder andere fachliche Kompetenzen scheinbar auch nicht.“
„Hmm“, macht der Kater, „Wie war das, du weißt immer noch nicht, was du nach der Schule machen möchtest?“
Krankenhausessen
Der Kater sitzt neben mir auf dem Tisch. Wir befinden uns auf Station 6 des städtischen Krankenhauses. Ich musste mich von einem, so sagen die Ärzt, kleinen unbedeutenden inneren Teil meines Körpers trennen. Der Kater hat sich diebisch gefreut, als ich mich volle zwei Tage kaum gegen seine Sticheleien zur Wehr setzen konnte.
Mittlerweile bin ich wieder halbwegs fit und stehe kurz vor der Entlassung. Nach drei Tagen Schonkost sollte ich heute Mittag auch endlich wieder vernünftiges Essen vorgesetzt bekommen. Darauf freue ich mich schon seit dem Aufwachen. Seit ich dem Kater am Morgen eindrucksvoll demonstriert habe, das es absolut kein Problem mehr für mich ist, ihn zu schnappen, wenn er mir wieder auf die Nerven geht, lässt auch er mich halbwegs in Frieden, kauert im untersten Fach meines Schranks und liest Nietzsche.
„Du“, sagt er und guckt aus dem Buch auf, „Langsam geht mir das Zimmer hier ziemlich auf den Zeiger. Und Nietzsche macht es auch nicht besser. Übermensch hier, Übermensch da. Wer braucht schon den Übermenschen, solange es uns Kater gibt?“
„Ja, und?“, frage ich.
„Ich schau mich hier mal ein bisschen hier um.“
„Bist du wahnsinnig? Was, wenn dich jemand findet?“
„Ich kann schon auf mich aufpassen. Was denkst du denn von mir?“, ohne eine Antwort abzuwarten tigert der Kater davon und verschwindet Richtung Flur.
„Lass dich nicht fangen!“, rufe ich ihm noch halblaut hinterher.
Ohne ihn ist es ungewohnt still. Die Minuten verstreichen grauenvoll langsam. Die Stunden noch langsamer. Bis es plötzlich, draußen vor dem Fenster verkriecht sich die Sonne gerade wieder hinter schweren Wolken, an der Tür klopft. Eine Schwester kommt herein.
„Hallo.“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht, „Heute müssen Sie wohl leider ein wenig länger auf ihr Essen warten.“
„Wie kommt denn das?“, ein ungläubiger Unterton schwingt in meiner Stimme mit. Entsetzen zeichnet sich langsam in meinem Gesicht ab.
„Die Küche muss alle Gerichte für die Station noch mal zubereiten. Der Wagen mit den Tabletts stand im Flur neben dem Aufzug. Aber bis auf ein paar Krümel und Soucenreste ist kaum noch was von dem Essen übrig.
„Oh.“, ich blicke einen Moment betreten zur Seite und muss an das Gulasch denken, dass ich eigentlich jeden Moment hätte bekommen sollen, „Gut. Danke für die Info.“, sage ich dann.
„Keine Ursache. Wir bemühen uns, das bald in Ordnung zu bringen.“, mit diesen Worte verlässt sie das Zimmer.
Keine Fünf Minuten später öffnet sie dich Tür erneut. Ohne, dass vorher angeklopft wurde. Langsam und vorsichtig rollt der Kater um die Ecke. Sein Körperumfang ist mindestens um den Faktor drei gewachsen und er ähnelt mehr einem plüschigen Ball, als einem Tier mit vier Pfoten. Aus großen runden Augen schaut er mich mitleidshaschend an, während ich ihm einen Stoß zurück in Richtung Tür gebe. Er zappelt mit allen vier Pfoten, ist aber nicht mehr in der Lage, anzuhalten. Draußen auf dem Gang ertönt ein lautes Scheppern. Eine Schwester Kreischt, jemand Flucht.