Der Kater sitzt neben mir auf dem Tisch. Wir befinden uns auf Station 6 des städtischen Krankenhauses. Ich musste mich von einem, so sagen die Ärzt, kleinen unbedeutenden inneren Teil meines Körpers trennen. Der Kater hat sich diebisch gefreut, als ich mich volle zwei Tage kaum gegen seine Sticheleien zur Wehr setzen konnte.
Mittlerweile bin ich wieder halbwegs fit und stehe kurz vor der Entlassung. Nach drei Tagen Schonkost sollte ich heute Mittag auch endlich wieder vernünftiges Essen vorgesetzt bekommen. Darauf freue ich mich schon seit dem Aufwachen. Seit ich dem Kater am Morgen eindrucksvoll demonstriert habe, das es absolut kein Problem mehr für mich ist, ihn zu schnappen, wenn er mir wieder auf die Nerven geht, lässt auch er mich halbwegs in Frieden, kauert im untersten Fach meines Schranks und liest Nietzsche.
„Du“, sagt er und guckt aus dem Buch auf, „Langsam geht mir das Zimmer hier ziemlich auf den Zeiger. Und Nietzsche macht es auch nicht besser. Übermensch hier, Übermensch da. Wer braucht schon den Übermenschen, solange es uns Kater gibt?“
„Ja, und?“, frage ich.
„Ich schau mich hier mal ein bisschen hier um.“
„Bist du wahnsinnig? Was, wenn dich jemand findet?“
„Ich kann schon auf mich aufpassen. Was denkst du denn von mir?“, ohne eine Antwort abzuwarten tigert der Kater davon und verschwindet Richtung Flur.
„Lass dich nicht fangen!“, rufe ich ihm noch halblaut hinterher.
Ohne ihn ist es ungewohnt still. Die Minuten verstreichen grauenvoll langsam. Die Stunden noch langsamer. Bis es plötzlich, draußen vor dem Fenster verkriecht sich die Sonne gerade wieder hinter schweren Wolken, an der Tür klopft. Eine Schwester kommt herein.
„Hallo.“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht, „Heute müssen Sie wohl leider ein wenig länger auf ihr Essen warten.“
„Wie kommt denn das?“, ein ungläubiger Unterton schwingt in meiner Stimme mit. Entsetzen zeichnet sich langsam in meinem Gesicht ab.
„Die Küche muss alle Gerichte für die Station noch mal zubereiten. Der Wagen mit den Tabletts stand im Flur neben dem Aufzug. Aber bis auf ein paar Krümel und Soucenreste ist kaum noch was von dem Essen übrig.
„Oh.“, ich blicke einen Moment betreten zur Seite und muss an das Gulasch denken, dass ich eigentlich jeden Moment hätte bekommen sollen, „Gut. Danke für die Info.“, sage ich dann.
„Keine Ursache. Wir bemühen uns, das bald in Ordnung zu bringen.“, mit diesen Worte verlässt sie das Zimmer.
Keine Fünf Minuten später öffnet sie dich Tür erneut. Ohne, dass vorher angeklopft wurde. Langsam und vorsichtig rollt der Kater um die Ecke. Sein Körperumfang ist mindestens um den Faktor drei gewachsen und er ähnelt mehr einem plüschigen Ball, als einem Tier mit vier Pfoten. Aus großen runden Augen schaut er mich mitleidshaschend an, während ich ihm einen Stoß zurück in Richtung Tür gebe. Er zappelt mit allen vier Pfoten, ist aber nicht mehr in der Lage, anzuhalten. Draußen auf dem Gang ertönt ein lautes Scheppern. Eine Schwester Kreischt, jemand Flucht.
Mittwoch, 19. Mai 2010
Krankenhausessen
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