Notenvergabe

Ich knalle mein Deutschheft auf den Tisch. Der Kater zuckt erschrocken zusammen.
„Was soll das denn?“, fragt er und beißt wieder von seinem Lachs-Baguette ab.
„Frau Moritz.“, sage ich.
„Frau Moritz?“, fragt der Kater.
„Frau Moritz.“, sage ich, „Meine Deutschlehrerin.“
„Aha.“
„Heute haben wir von ihr die Klausur zurückbekommen.“
„Und?“
„Geht. Neun Punkte. Nicht das Beste, aber ich bin zufrieden.“
„Warum dann dieser unglaublich unzufriedene Gesichtsausdruck?“
„Die Frau hats einfach nicht drauf. Darum der Gesichtsausdruck. Zwei aus meinem Kurs hatten im Schnitt 7,5. Der eine hat 7, der andere 8 bekommen.“
„Noten werden pädagogisch gegeben, und nicht errechnet.“, sagt der Kater, während er auf dem Baguette kaut.
„Ja, ja, ich weiß. Das haben wir uns auch schon anhören müssen.“, sage ich, „Aber wenn die erste Teilaufgabe mit 40 Prozent und die zweite mit 60 Prozent gewichtet wird, man in beiden 6 Punkte hat und in der Endnote trotzdem nur fünf bekommt, kann doch nur irgendwas nicht stimmen.“
Der Kater schluckt seinen übergroßen Bissen runter.
„Als sich Heike dann bei ihr beschwert hat, hat sie das ganze noch mal mit nem Taschenrechner nachgerechnet. Nachgerechnet!“, ich bin außer mir, „Und letztes Mal hat sie Erich 14 Punkte gegeben, obwohl er in den Teilaufgaben 13, 11 und 12 hatte.“
„Na ja, sie ist wohl nicht ohne Grund Deutschlehrerin geworden. Da braucht man keine Mathematischen kometenzen.“
„Soziale, pädagogische oder andere fachliche Kompetenzen scheinbar auch nicht.“
„Hmm“, macht der Kater, „Wie war das, du weißt immer noch nicht, was du nach der Schule machen möchtest?“