Es ist sieben Uhr morgens, als ich auf der Suche nach dem letzten Stück Kuchen und einem schön heißen Kaffe vollkommen verschlafen in die Küche komme. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine, friemel einen Filter rein, kippe wahllos gemahlenen Kaffee hinterher, fülle den Tank mit Wasser und drücke auf den kleinen runden Knopf.
Dann drehe ich mich zum Kuchen. Auf der Platte, auf der eigentlich das letzte Stück liegen sollte, sitzt der Kater inmitten von Kuchenkrümeln. Ich seufze.
„Du hast nicht zufällig gerade das letzte Stück Kuchen gefuttert?“, frage ich. In meiner Stimme schwingt vergleichsweise wenig bis gar keine Hoffnung mit.
„Nein. Warum?“, fragt der Kater. Die Unschuldsmiene in seinem Gesicht wirkt nicht mehr wirklich überzeugend, nach den sechs Monaten, die ich mich schon mit ihm rumschlage.
„Ach“, sage ich, „War nur so eine Idee. Weißt du, eigentlich sollte da, wo du jetzt gerade sitzt ein wunderbares Stück Marmorkuchen auf mich warten.“
„Hmm.“, der Kater setzt eine Nachdenkliches Gesicht auf, „Tut mir Leid, ich kann dir in dem Fall leider wirklich nicht weiterhelfen.“
„Hat man dir eigentlich beigebracht, dass du nicht lügen sollst?“
„Nein. Warum?“
„Das gehört sich nicht. Außerdem grenzt es an Dummheit, wenn du sogar dann versuchst, damit durchzukommen, wenn vollkommen klar ist, dass nur du den Kuchen gegessen haben kannst. Außerdem weißt du doch, wie wichtig mit ein ehrliches und offenes Verhältnis ist“
„Vielleicht bist du ein Schlafwandler und hast ihn im Schlaf verdrückt?“, er macht eine gewichtige Pause, um seine geniale, vollkommen plausible These zu untermauern, „Außerdem“, fährt er fort, „Ist Lügen äußerst bedeutend in und für unsere heutige Gesellschaft und das soziale Miteinander.“
„Ach.“
„Stell dir vor, du wüsstest, dass ich heimlich die Platte von Sade verkauft habe, die du schon so lange suchst, dass ich es war, der ausversehen das Wasserglas über deine Kunstmappe gekippt hat, der diese peinliche Kontaktanzeige für dich geschaltet und der die Rechnung, die erste und die zweite Mahnung von deiner letzten Bestellung verschlampt hat. Nachdem ich sie vorbildlicherweise reingebracht hatte. Oh, und stell dir vor, du wüsstest, dass ich dir das letzte Stück Kuchen heute vor der Nase weggefuttert habe. Da wärst du bestimmt tierisch sauer auf mich. Du würdest mich durch die halbe Wohnung jagen, mich vor die Tür setzen, mich nie wieder reinlassen. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn ich dir verraten, wo die verschwundene Hälfte von deinem Taschengeld steckt. Na ja, aber so geht’s uns doch super. Du weißt nichts davon, ich habe keine moralischen Gewissensbisse und wir können in friedlicher Koexistenz zusammen unter einem Dach leben. Toll, oder?“, der Kater schaut mit einem durchweg zufrieden Gesichtsausdruck zu mir hoch. Mit der rechten Hand taste ich hinter meinem Rücken nach dem Deckel der Kuchenplatte.
Montag, 5. Juli 2010
Lügenkater
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