Die Stille Revolution

Der Kater sitzt am offenen Fenster und schaut auf die Straße hinaus. Es ist ein ganz normaler, trister Herbsttag. Laub liegt im Vorgarten und auf dem Gehweg, der Himmel ist grau, gelegentlich weht ein leichter Wind und es fallen Regentropfen.
„Hörst du das?“, fragt mich der Kater und dreht sich zu mir um.
„Was meinst du?“, frage ich zurück, stehe aus dem Sessel auf und gehe zu ihm ans Fensterbrett, „Ich hör nichts.“
„Das ist die Stille Revolution.“

Intoleranz

„Ihr Menschen.“, schimpt der Kater, der es sich vor meinem Laptop gemütlich gemacht hat, „Bekämpt Intoleranz mit Intoleranz gegenüber den Intoleranten.“
„Was?“, rage ich, eine Tasse Tee und ein Lachsbaguette au einem viel zu kleinen Tablett durch den Türrahmen balancierend.
„Das ist doch paradox, oder?“
„Ähm.“, ich stelle Tee und Baguette au den Schreibtisch, „Was genau meinst du?“, rage ich den Kater. Der übergeht meine rage und schnappt sich das Baguette. Mit vollen Backen geht seine Schimptirade weiter: „Wie ich diese Menschen verachte, mit ihrer vermessenen Ignoranz. Glauben, ihr Weg sei der Beste. Verschwenden keinen Gedanken daran, dass ihre Werte nicht die einzig richtigen sein könnten, nur weil sie sie von Geburt an beigebracht bekommen und nicht den Weitblick haben, um über den verdammten eigenen Tellerrand hinauszublicken.“
ür einen Augenblick herrscht stille. Der Kater wendet sich wieder dem Laptop zu und beißt gelegentlich von dem Baguette ab, das eigentlich mein Abendessen hätte werden sollen.
„Hier!“, rut er au einmal vollkommen unvermittelt, „Schau dir das mal an. Nerg19 schreibt: Meiner Meinung nach sollte man intolerante Menschen nicht tolerieren. Warum sollte ich jemanden tolerieren, der meine Ansichten nicht toleriert?“, der Kater schlägt den Kop gegen die Tastatur. Einmal, zweimal, dreimal. Die Sache ist klar, er treibt sich mal wieder in den alschen oren herum. Das endet meistens so. Nicht mehr lange, und ich kann mir einen neuen Laptop zulegen. Der Buchstabe rechts neben dem D hat dem Kater sei Dank schon lange den Dienst quittiert. Wenn das so weitergeht, kann ich bald nicht mehr vernüntig Tippen.
Ich nehme einen Schluck Tee, stelle die Tasse wieder au den Tisch, schaue den Kater an und lege meinen Kop leicht schräg, „Das ist jetzt aber schon ein wenig intolerant von dir, indest du nicht?“

Kuchen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Es ist früh am Morgen. Als ich den Rollladen in der Küche nach oben ziehe, fallen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne in das Zimmer und blenden mich. Ich kneife die Augen zusammen. Kaffeemaschine. Ich taste nach der Kaffeemaschine, fülle Wasser ein und suche im Schrank nach den Filtern, während sich meine Augen langsam an das Licht gewöhnen. Dann öffne ich die Dose mit dem Kaffeepulver. Leer. Sie ist Leer. Gestern Abend war sie noch voll.
Hinter mir taumelt der Kater durch das Esszimmer und stößt dabei einen Stapel Zeitschriften um. Er gähnt und trottet weiter bis zu mir in die Küche.
„Du, sag mal“, frage ich ihn, „hast du den Kaffe leergemacht?“
„Ich?“, er reibt sich die Augen, „Warum schiebst du eigentlich immer alle Schuld auf mich? Hast du mal daran gedacht, dass auch dein werter Herr Papa den Kaffee leergemacht haben könnte?“
Ich nehme mir ein Stück Kuchen und setze mich resigniert an den Küchentisch. Den Kopf zwischen den Händen starre auf die Tageszeitung am anderen Ende des Tisches.
„Was ziehst du denn bloß für ein Gesicht?“, fragt mich der Kater, „Ist irgendwas passiert?“
„Ach, nichts.“, sage ich.
„Sicher nicht?“
„Ich will nicht drüber reden.“
„Kopf hoch, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Dann gibt’s auch wieder Kaffe. Bis dahin kommst du schon irgendwie über die Runden. Warte, ich hol dir die Zeitung.“
„Danke.“, sage ich zu ihm, während er mir die Zeitung vom anderen Ende des Tisches bringt. Als er sie mir neben den Teller legt, fällt sie auf den Boden. Ich seufze.
„Du darfst das Leben nicht so tragisch sehen. Du stehst immerhin am Anfang eines neuen Tages. Wer weiß, was da noch alles passieren kann.“
„Du hast ja recht. Man weiß nie, was einem das Leben bringt.“, sage ich, während ich mich nach der Zeitung bücke.
„Oder was es einem nimmt.“, ergänzt der Kater.
Als ich wieder auf dem Stuhl sitze, ist er vom Tisch verschwunden. Ich schlage die Zeitung auf und greife nach dem Stück Kuchen, aber meine Hand langt ins Leere.

Sterne

Nachdem man uns um fünf Uhr in der Früh aus der Kneipe geschmissen hat, gehen der Kater und ich durch die verschlafenen Straßen der Stadt spazieren. In der Ferne zeichnet sich blass das Rot der aufgehenden Sonne am Horizont ab.
„All die Sterne“, lallt der Kater, „Sie verschwinden.“
„Keine Sorge.“, sage ich zu ihm, während ich mit Mühe versuche, einen Fuß vor den anderen zu setzen, „Morgen sind sie wieder da.“
„Einen ganzen Tag ohne Sterne.“, der Kater lasst träurig den Kopf hängen, dann lässt er sich, an einen Zaunpfahl gelehnt, zu Boden sinken. Mit großen runden Augen schaut er nach oben in den Himmel. „Wir sind so klein.“
„Du meinst, du bist so klein. Ich bin fast eins-sechzig.“, er reagiert nicht, „Oh.“, sage ich dann, „So meinst du das.“
„Warum sind wir eigntlich hier?“
„Warum versetzt Alkohol dich eigentlich immer in diese furchtbar philosophische Stimmung?“
Der Kater wirft mir einen verständnislosen Blick zu.
„Weißt du“, sage ich nachdenklich zu ihm, „Vielleicht sind wir hier, weil es sonst niemanden gäbe, der sich fragen würde, wo die Sterne den ganzen Tag über bleiben.“

Lügenkater

Es ist sieben Uhr morgens, als ich auf der Suche nach dem letzten Stück Kuchen und einem schön heißen Kaffe vollkommen verschlafen in die Küche komme. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine, friemel einen Filter rein, kippe wahllos gemahlenen Kaffee hinterher, fülle den Tank mit Wasser und drücke auf den kleinen runden Knopf.
Dann drehe ich mich zum Kuchen. Auf der Platte, auf der eigentlich das letzte Stück liegen sollte, sitzt der Kater inmitten von Kuchenkrümeln. Ich seufze.
„Du hast nicht zufällig gerade das letzte Stück Kuchen gefuttert?“, frage ich. In meiner Stimme schwingt vergleichsweise wenig bis gar keine Hoffnung mit.
„Nein. Warum?“, fragt der Kater. Die Unschuldsmiene in seinem Gesicht wirkt nicht mehr wirklich überzeugend, nach den sechs Monaten, die ich mich schon mit ihm rumschlage.
„Ach“, sage ich, „War nur so eine Idee. Weißt du, eigentlich sollte da, wo du jetzt gerade sitzt ein wunderbares Stück Marmorkuchen auf mich warten.“
„Hmm.“, der Kater setzt eine Nachdenkliches Gesicht auf, „Tut mir Leid, ich kann dir in dem Fall leider wirklich nicht weiterhelfen.“
„Hat man dir eigentlich beigebracht, dass du nicht lügen sollst?“
„Nein. Warum?“
„Das gehört sich nicht. Außerdem grenzt es an Dummheit, wenn du sogar dann versuchst, damit durchzukommen, wenn vollkommen klar ist, dass nur du den Kuchen gegessen haben kannst. Außerdem weißt du doch, wie wichtig mit ein ehrliches und offenes Verhältnis ist“
„Vielleicht bist du ein Schlafwandler und hast ihn im Schlaf verdrückt?“, er macht eine gewichtige Pause, um seine geniale, vollkommen plausible These zu untermauern, „Außerdem“, fährt er fort, „Ist Lügen äußerst bedeutend in und für unsere heutige Gesellschaft und das soziale Miteinander.“
„Ach.“
„Stell dir vor, du wüsstest, dass ich heimlich die Platte von Sade verkauft habe, die du schon so lange suchst, dass ich es war, der ausversehen das Wasserglas über deine Kunstmappe gekippt hat, der diese peinliche Kontaktanzeige für dich geschaltet und der die Rechnung, die erste und die zweite Mahnung von deiner letzten Bestellung verschlampt hat. Nachdem ich sie vorbildlicherweise reingebracht hatte. Oh, und stell dir vor, du wüsstest, dass ich dir das letzte Stück Kuchen heute vor der Nase weggefuttert habe. Da wärst du bestimmt tierisch sauer auf mich. Du würdest mich durch die halbe Wohnung jagen, mich vor die Tür setzen, mich nie wieder reinlassen. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn ich dir verraten, wo die verschwundene Hälfte von deinem Taschengeld steckt. Na ja, aber so geht’s uns doch super. Du weißt nichts davon, ich habe keine moralischen Gewissensbisse und wir können in friedlicher Koexistenz zusammen unter einem Dach leben. Toll, oder?“, der Kater schaut mit einem durchweg zufrieden Gesichtsausdruck zu mir hoch. Mit der rechten Hand taste ich hinter meinem Rücken nach dem Deckel der Kuchenplatte.

Notenvergabe

Ich knalle mein Deutschheft auf den Tisch. Der Kater zuckt erschrocken zusammen.
„Was soll das denn?“, fragt er und beißt wieder von seinem Lachs-Baguette ab.
„Frau Moritz.“, sage ich.
„Frau Moritz?“, fragt der Kater.
„Frau Moritz.“, sage ich, „Meine Deutschlehrerin.“
„Aha.“
„Heute haben wir von ihr die Klausur zurückbekommen.“
„Und?“
„Geht. Neun Punkte. Nicht das Beste, aber ich bin zufrieden.“
„Warum dann dieser unglaublich unzufriedene Gesichtsausdruck?“
„Die Frau hats einfach nicht drauf. Darum der Gesichtsausdruck. Zwei aus meinem Kurs hatten im Schnitt 7,5. Der eine hat 7, der andere 8 bekommen.“
„Noten werden pädagogisch gegeben, und nicht errechnet.“, sagt der Kater, während er auf dem Baguette kaut.
„Ja, ja, ich weiß. Das haben wir uns auch schon anhören müssen.“, sage ich, „Aber wenn die erste Teilaufgabe mit 40 Prozent und die zweite mit 60 Prozent gewichtet wird, man in beiden 6 Punkte hat und in der Endnote trotzdem nur fünf bekommt, kann doch nur irgendwas nicht stimmen.“
Der Kater schluckt seinen übergroßen Bissen runter.
„Als sich Heike dann bei ihr beschwert hat, hat sie das ganze noch mal mit nem Taschenrechner nachgerechnet. Nachgerechnet!“, ich bin außer mir, „Und letztes Mal hat sie Erich 14 Punkte gegeben, obwohl er in den Teilaufgaben 13, 11 und 12 hatte.“
„Na ja, sie ist wohl nicht ohne Grund Deutschlehrerin geworden. Da braucht man keine Mathematischen kometenzen.“
„Soziale, pädagogische oder andere fachliche Kompetenzen scheinbar auch nicht.“
„Hmm“, macht der Kater, „Wie war das, du weißt immer noch nicht, was du nach der Schule machen möchtest?“

Krankenhausessen

Der Kater sitzt neben mir auf dem Tisch. Wir befinden uns auf Station 6 des städtischen Krankenhauses. Ich musste mich von einem, so sagen die Ärzt, kleinen unbedeutenden inneren Teil meines Körpers trennen. Der Kater hat sich diebisch gefreut, als ich mich volle zwei Tage kaum gegen seine Sticheleien zur Wehr setzen konnte.

Mittlerweile bin ich wieder halbwegs fit und stehe kurz vor der Entlassung. Nach drei Tagen Schonkost sollte ich heute Mittag auch endlich wieder vernünftiges Essen vorgesetzt bekommen. Darauf freue ich mich schon seit dem Aufwachen. Seit ich dem Kater am Morgen eindrucksvoll demonstriert habe, das es absolut kein Problem mehr für mich ist, ihn zu schnappen, wenn er mir wieder auf die Nerven geht, lässt auch er mich halbwegs in Frieden, kauert im untersten Fach meines Schranks und liest Nietzsche.

„Du“, sagt er und guckt aus dem Buch auf, „Langsam geht mir das Zimmer hier ziemlich auf den Zeiger. Und Nietzsche macht es auch nicht besser. Übermensch hier, Übermensch da. Wer braucht schon den Übermenschen, solange es uns Kater gibt?“
„Ja, und?“, frage ich.
„Ich schau mich hier mal ein bisschen hier um.“
„Bist du wahnsinnig? Was, wenn dich jemand findet?“
„Ich kann schon auf mich aufpassen. Was denkst du denn von mir?“, ohne eine Antwort abzuwarten tigert der Kater davon und verschwindet Richtung Flur.
„Lass dich nicht fangen!“, rufe ich ihm noch halblaut hinterher.

Ohne ihn ist es ungewohnt still. Die Minuten verstreichen grauenvoll langsam. Die Stunden noch langsamer. Bis es plötzlich, draußen vor dem Fenster verkriecht sich die Sonne gerade wieder hinter schweren Wolken, an der Tür klopft. Eine Schwester kommt herein.
„Hallo.“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht, „Heute müssen Sie wohl leider ein wenig länger auf ihr Essen warten.“
„Wie kommt denn das?“, ein ungläubiger Unterton schwingt in meiner Stimme mit. Entsetzen zeichnet sich langsam in meinem Gesicht ab.
„Die Küche muss alle Gerichte für die Station noch mal zubereiten. Der Wagen mit den Tabletts stand im Flur neben dem Aufzug. Aber bis auf ein paar Krümel und Soucenreste ist kaum noch was von dem Essen übrig.
„Oh.“, ich blicke einen Moment betreten zur Seite und muss an das Gulasch denken, dass ich eigentlich jeden Moment hätte bekommen sollen, „Gut. Danke für die Info.“, sage ich dann.
„Keine Ursache. Wir bemühen uns, das bald in Ordnung zu bringen.“, mit diesen Worte verlässt sie das Zimmer.

Keine Fünf Minuten später öffnet sie dich Tür erneut. Ohne, dass vorher angeklopft wurde. Langsam und vorsichtig rollt der Kater um die Ecke. Sein Körperumfang ist mindestens um den Faktor drei gewachsen und er ähnelt mehr einem plüschigen Ball, als einem Tier mit vier Pfoten. Aus großen runden Augen schaut er mich mitleidshaschend an, während ich ihm einen Stoß zurück in Richtung Tür gebe. Er zappelt mit allen vier Pfoten, ist aber nicht mehr in der Lage, anzuhalten. Draußen auf dem Gang ertönt ein lautes Scheppern. Eine Schwester Kreischt, jemand Flucht.

Tafelbilder

„Oh, mein Lehrer hat uns grade die Tafelbilder von letzter Stunde geschickt. Da hat er ganze dreißig Minuten dran gesessen.“, sage ich.
„Und es dann abfotografiert?“, fragt der Kater.
„Ne, wir haben doch jetzt so tolle neue elektronische Tafeln.“, sage ich. Mehr ironisch als überzeugt.
„Immerhin spart ihr euch da die Schreibarbeit, wenn man alles so leicht speichern und verschicken kann.“
„Seit wann stehst du denn auf der Seite der Technik?“
„Als ob ich so konservativ währe. Komm, zeig mir mal das Tafelbild.“
Ich drehe meinen Laptop so, dass der Kater das Bild sehen kann.
„Oh.“, sagt er und macht eine kleine konfuse Pause, „Wusste ich doch, dass Technik zu nichts zu gebrauchen ist.“
„Ich weiß gar nicht, was du hast.“, sage ich, „Das sind die zwei wahrscheinlich akkuratesten Kreise, der geradeste Strich und die lesbarste Tabelle in der Geschichte des Tafelbildes. Und das Ganzein drei Farben.“

Hausaufgaben

„Du glaubst es nicht.“, sage ich zum Kater, „Aber heute Morgen bin ich aufgewacht und hab mir gedacht: Boah, jetzt ne Textanalyse, das wär geil.“
„Echt?“, fragt der Kater.
„Ne.“, sage ich, „Ist ne Hausaufgabe zur Abiturvorbereitung.“
„Und was genau müsst ihr da analysieren?“
„Ne Kurzgeschichte.“
„Schon wieder NS-Aufbereitung?“
„Schon wieder NS-Aufbereitung.“
„Und? Hast du schon angefangen?“
„Ne.“, sage ich, „Jedes Mal, wenn ich mich einem Text mit der Absicht nähere, ihn mit einem Skalpell in meinen Laienhänden zu sezieren, dreht sich mir der Magen um. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir sowieso von vornherein darüber bewusst bin, dass die Ergebnisse ganz sicher mal wieder nicht deckungsgleich zu denen sind, die meine Lehrerin von mir erwartet.“
„Oh.“, sagt der Kater, „Du leidest also an IWULÜMP“
„An was?“
„Interpretations-Wahn-Und-Lehrer-Überinterpretations-Meinungssingularismus-Phobie.“
„Das klingt hart.“
„Ist aber nicht unheilbar. Zum Glück. Über 67 Prozent der Betroffenen können wieder beinahe vollkommen genesen.“
Der Kater zieht sich einen kleinen weißen Arztkittelan an und hängt sich ein Stethoskop um den Hals.
„Was Sie brauchen“, sagt er zu mir, „ist ein Schluck meiner besten Medizin. Aber als nicht offiziell zugelassener Arzt muss ich Ihnen die Behandlung leider Bar und auf Vorkasse berechnen. Fünf Euro.“
Ich lache.
Der Kater lacht nicht.
„Oh.“, sage ich, „Du meinst es ernst.“
„Natürlich meine ich das ernst.“
„Und die Medizin wirkt?“
„Hundertprozentig.“
„Eben waren es noch 67.“
Der Kater schaut mich ernst an. Ich krame ich fünf Euro aus meinem Portmonee und gebe sie ihm, bevor er in der Küche verschwindet. Es scheppert, dann brodelt es und klirrt. Schließlich kommt er mit einer Tasse in den Pfoten zurück.
„Da, trinken Sie das.“, sagt er.
„Das ist Pfefferminztee.“, sage ich.
„Es riecht nur so.“
Ich nippe an der Tasse
„Und es schmeckt so.“, sage ich, „Dafür hast du mir fünf Euro aus der Tasche gezogen? Für eine Tasse Pfefferminztee?“
Der Kater legt das Stethoskop weg und zieht den Kittel wieder aus.
„Bist du mit dem Arzt etwa unzufrieden?“, fragt er mich, während er sich einen braunen Anzug anzieht und einen kleinen Aktenkoffer hervorholt, „Gegen ein verhältnismäßig geringes Honorar könnte ich ihn verklagen.“

Voodoo

„Kennst du eigentlich das Foto, auf dem Steve Jobs diesen glänzenden roten Apfel in die Kamera hält?“, fragt mich der Kater.
„Klar.“
„Weißst du, woran mich das erinnert?“
„Ne.“, sag ich.
„Die Schlange.“
„Die Schlange? Welche Schlange?“
„Du bist aber auch schwer von Begriff. Die Schlange aus der Bibel natürlich.“
Ich stutze.
„Als Sinnbild des Teufels. Als Verführer. Denk doch nur an die Frucht vom Baum der Erkenntnis.“
„Was genau versuchst du mir gerade zu sagen?“, frage ich.
„So ein bisschen ist das doch wie ein Packt mit dem Teufel, wenn man sich mit Apple einlässt. Gerade, wenn man so wie du auch noch daran glaubt, dass die Frage nach Open Source von tiefer moralischer Bedeutung ist.“, der Kater lässt mir eine Sekunde, um das zu schlucken, ich schlucke, „Und wenn es irgendwen gibt, dass seine Nutzer noch mehr Einsperrt als von Microsoft, dann ist das ja wohl zweifelsfrei Aplle.“, fährt der Kater fort, „Und wofür? Was hat dir der Teufel für deine Seele gegeben? Macht? Reichtum? Talent?“
„Produktivität?“, frage ich zögerlich, mehr mich selbst als den Kater, „Stabilität? Sicherheit? Simplizität?
„Ach.“, sagt der Kater, „Sind das die Gründe, warum du dir eine Steve-Jobs-Voodoo-Puppe gebastelt hast, die jetzt neben deinem Laptop liegt? Und sind das die Gründe, warum du sie andauernd mit irgendwelchen Nadeln durchbohrst?“

Glauben

Der Kater und ich gehen durch die Straßen der Stadt spazieren. Es ist finstere Nacht.
„Hast du dir eigentlich irgendwelche größeren Ziele gesteckt.“, fragt er mich plötzlich.
„Na ja.“, sage ich, „Ich will ein wenig abnehmen. Seit Weihnachten passe ich schon wieder in keine Hose. Alles zwickt und kneift. Guck.“, ich versuche verzweifelt, meinen Daumen zwischen Hosenbund und Hemd zu schieben, um dem Kater zu beweisen, dass es physikalisch unmöglich ist, „Oh, und ich will sparen, damit ich mir bald mal nen neuen Schreibtischstuhl kaufen kann. So nen Drehstuhl mit gemütlichem Polster, verstellbarer Rückenlehne, Armlehen, Rollfüßen und so.“
„Ne, so was mein ich doch gar nicht. Eher so was wie den Welthunger besiegen, Krebs kurieren, armen Kindern in Afrika Laptops für die Schule schenken.“, sagt der Kater.
„Hmm.“
„Früher wollte ich immer die Welt retten.“, fährt er nach einer kurzen Pause fort.
„Und jetzt?“, frage ich.
„Hab ich’s aufgegeben.“
„Warum das denn?“
„Ich bin alt geworden. Meine Ansichten haben sich verändert, meine Ideale auch. Mein ganzes Leben.“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein.“, sage ich, „Schau dir die Weltgeschichte an. So viele Menschen haben so viel bewegt. Und du glaubst, dass du nichts verändern kannst?“, ich schaue zum Kater herab, der neben mir herläuft, „Man darf nur nicht den Glauben aufgeben.“, sage ich dann, „Und man muss kämpfen. Wenn du das machst, wirst du mit jeder guten Tat, die du tust, die Welt ein kleines Stückchen besser machen, als du sie vorgefunden hast. Und vielleicht kannst du dann viel mehr bewegen, als du dir jemals wirklich hättest träumen lassen.“, ich mache eine Pause, „Wenn man sich etwas wirklich wünscht, wenn man fest daran glaubt, dass es in Erfüllung geht, dann passiert das auch.“
„Du bist doch auch so einer, der im Kino weint, wenn er sich irgendwelche kitschigen Schnulzen anschaut, oder?“, der Kater schüttelt den Kopf und lässt mich einsam unter einer orange leuchtenden Straßenlaterne stehen.

Haushalt

Der Kater sitzt vor mir auf dem Küchentisch und isst gerade das letzt Stück meiner Quattro-Formaggi-Pizza.
„Räumst du das gleich weg?“, fragt er, während er sich den letzten Bissen in den Mund schiebt.
„Mach du doch.“, sage ich, „Ich muss gleich los, sonst bekomm ich den Zug nicht mehr.“
„Das war deine Pizza. Warum soll ich da den Abwasch machen?“, fragt der Kater.
„Weil du auch mal was für mich machen könntest. Und es ist doch wohl wirklich nicht zu viel verlangt, mal eben zwei Teller in die Spülmaschine zu packen und das Teil einzuschalten.“
„Das kann ich gar nicht. Ich hab so was doch noch nie gemacht.“
„Das ist es ja. Du machst nie irgendwas. Du räumst nicht auf oder ab, du bezahlst die Pizza nicht, lässt dir dein Lachs-Baguette von mir machen und bist sogar zu Faul, mal mit einkaufen zu gehen. Langsam wirds Zeit, dass du dich auch mal um irgendwas kümmerst.“, sage ich.
„Aber ich weiß doch gar nicht, wie das mit der Spülmaschine geht.“
„Dann wirds Zeit, dass du das langsam mal lernst.“, ich schaue den Kater verständnislos an.
„Zeigst dus mir?“, fragt der.
„Boah, mal ganz im Ernst, jede Sau kann ne Spülmaschine bedienen.“
Der Kater schaut mit großen Augen zurück.
„Gut.“, sage ich, „Du nimmst die Teller. Guck, genau so.“, ich nehme die Teller und das Besteck und trage sie in die Küche. Der Kater folgt mir.
„Dann machst du die Spülmaschine auf.“, ich mache die Spülmaschine auf.
„Stellst den Kram rein.“, ich stelle den Kram rein.
„Machst das Ganze wieder zu.“, ich mache das Ganze wieder zu.
„Und drückst den Knopf da.“, ich drücke den Knopf da. Die Spülmaschine fängt an zu rattern.
„Aha.“, sagt der Kater, „Aber eines habe ich dabei noch nicht so ganz verstanden.“
„Was denn? Was um alles in der Welt kann man denn dabei nicht verstehen?“, rufe ich vollkommen verzweifelt.
„Ach.“ sagt der Kater, „Ist ja auch egal. Danke für den Exkurs. Aber jetzt solltest du dich wirklich beeilen, sonst wird das mit deinem Zug vielleicht ein wenig knapp.“

Das Warum

Der Kater sitzt neben mir auf dem Sofa. Es ist mittlerweile später Abend, wir haben ein wenig ferngesehen, bis wir uns nicht mehr auf ein Programm einigen konnten, haben den Fernseher dann ausgemacht und eine ganze Weile geschwiegen.
„Warum sind wir eigentlich hier?“, frage ich den Kater schließlich, „Ich meine, was soll das alles? Was machen wir eigentlich hier auf der Welt?“
„Ich weiß nicht, was wir hier machen.“, antwortet der Kater, „Aber ich bin dafür, dass du mir jetzt erst mal ein Lachs-Baguette machst. Und vielleicht was zu trinken.“

An den Rändern der Gesellschaft

Der Kater und ich sitzen in einer Wartehalle der Deutschen Bahn. Wenige Schritte von uns entfernt stehen einige Jugendliche, die sich in gebrochenem Deutsch über Bitches, Sido und Bushido unterhalten. Zwei oder drei von ihnen rauchen Zigaretten, deren trockener Qualm den ganzen Raum einnebelt. Die freundlich monotone Stimme aus den Lautsprechern, die die Verspätung einer Regionalbahn anzukündigen Versucht, geht unter ihren lauten Stimmen unter, kurz bevor sie sich mit ratlosen Gesichtern fragen, was da eben gesagt wurde und wo denn der Zug bleibt, der eigentlich schon hätte da sein sollen.
„Ich bin doch immer wieder erstaunt.“, sagt der Kater.
„Worüber?“, frage ich.
„Über die eigentümlich eigenständige Disqualifikation einiger grobschlächtiger, pöbelnder und unverschämter Menschen, vom Rande unserer Gesellschaft.“, der Kater schüttelt den Kopf, holt eine Tabakpfeife aus der Tasche und beginnt sie zu stopfen.
„Hey!“, ruft er den Jugendlichen zu, „Das ihr euch nicht schämt.“, er steckt sich die Pfeife an und wendet sich wieder mir zu, „Hast du eigentlich schon das neue Album von Dvořák gehört?“, fragt er, während er Rauchringe über das Rauchverbotsschild hinweg pustet.
Ich übergehe seine Frage mit einem dezenten Hinweis auf die wütenden Jugendlichen, die sich im Halbkreis vor uns aufgebaut haben.

Verkehrskreisel

„Ich finde, wir sollten vor dem Badezimmer so einen Verkehrskreisel bauen.“, lallt der Kater. Er riecht verdächtig nach Kirschwein.
„Du findest was?“, frage ich leicht desorientiert.
„Vor dem Badezimmer ist doch immer so ein Stau.“, sagt er, „Vielleicht gelingt es uns ja, durch den Neubau eines Kreisels und die Abschaffung der ausgedienten Ampelanlage, die Situation an diesem Verkehrsknotenpunkt ein wenig zu entschärfen.“
„Das hat sich die Stadt auch gedacht.“, sage ich, „Und was hat es ihnen im Endeffekt gebracht? Gar nichts.“
„Das kannst du so nicht sagen.“, sagt der Kater.
„Gut, sie sind ein halbwegs historisches und überaus hässliches Eckhaus losgeworden, das im Weg stand, und haben eine neue Miniatur-Rasenfläche im Stadtzentrum.“
„Oh.“, sagt der Kater, „Wir könnten deine Lieblingsblumen in die Mitte pflanzen!“
„Rosen?“
„Ne, doch nicht. Zu kitschig.“, der Kater setzt sich neben mich aufs Sofa und macht ein angestrengt nachdenkendes Gesicht.
„Tulpen?“, frage ich weiter.
„Ne.“, er macht eine kurze Pause, „Vielleicht lassen wir das Ganze doch lieber.“
„Und der Stau?“, frage ich.“
„Wir könnten ja eine Stauwarnanlage einführen. Und einen Vorsortierbereich bauen, für die, die gar nicht ins Bad, sondern nur durch den Flur zur Küche wollen.“
„Wir könnten auch einfach alle versetzt aufstehen, so dass wir uns vor dem Bad gar nicht erst in die Quere kommen.“
„Bloß nicht!“, der Kater macht eine bedeutungsschwere Pause, „Wovon soll ich denn da als freiberuflicher Straßenplaner noch leben?“

Wer hat’s erfunden?

Ich sitze an meinem Computer, lutsche ein schweizer Kräuterbonbon und spiele mit der Maus auf dem Bildschirm. Eigentlich wollte ich schreiben, aber mir ist nichts eingefallen.
„Du.“, sagt der Kater, der sich am anderen Ende des Zimmers auf dem Bett räkelt, „Hast du mal dieses Buch gelesen, in dem der Autor mit einem gesellschaftskritischen, sprechenden Stinktier zusammenzieht und Episode für Episode über ihr absurdes Zusammenleben berichtet?“
„Was? Nein. Warum fragst du?“
„Ach, nur so.“
„Moment, willst du damit etwa etwas andeuten?“
„Ach, nein, nichts.“, der Kater stockt, „Höchstens vielleicht, dass die Idee signifikante Prallelen zu den Geschichten aufweist, die du über mich verbreitest.
„Was?“, frage ich, „Hat er etwa bei mir abgeschrieben?“
Der Kater macht einen skeptischen Gesichtsausdruck.
„Na gut. Vielleicht hat mich irgendwer mit irgendwas auf die Idee gebracht. Aber ich bin stolz darauf,“, fahre ich fort, „dass alle meine Geschichten meinem eigenen wahren Leben entnommen sind. Pointe für Pointe. Ich könnte auch nur schwerlich damit glücklich werden, irgendwas aufzuwärmen. Wo ich doch generell kein Fan von Mikrowellenessen bin. Außerdem würdest du dich dann bloß wieder beschweren, dass ich Schwachsinn über dich schreibe.“
„Das machst du doch so oder so. Du mit deinem schlechten Plagiat.“
„Was soll denn jetzt der Vorwurf schon wieder?“, ich schaue den Kater verständnislos an, „Ich schreib doch nirgendwo ab oder um. Schimpf lieber auf Joseph Smith, der hat gleich kapitelweise aus dem Matthäusevangelium abgeschrieben. Und Brecht, der alte Schlingel, hat sich bei Villon bedient, genau wie Shakespeare bei Marlowe. Und Goethe und Büchner haben’s obendrein getan.“
Der Kater schein von meinen Ausführungen nicht sonderlich beeindruckt.
„Warum hat das mit deinem Magister doch gleich noch mal nicht geklappt?“, frage ich ihn, „Warte, ich komm gleich drauf.“

Kinderschänder

Ich springe auf die Motorhaube und trete mit voller Wucht gegen die Frontscheibe. Sie splittert. Ich trete noch einmal zu, springe wieder von der Motorhaube, zersteche die Reifen und trete den linken Rückspiegel ab. Der Kater steht daneben und sieht zu. Ich hebe einen Stein auf und werfe ihn gegen die Seitentür des entengrützenfarbenen Fiats, hole eine Spraydose aus meinem Rucksack und sprühe auf das Heck des Wagens in Großbuchstaben

MENSCHENVERACHTENDES SCHWEIN!

Den kleinen gelben Aufkleger über dem Rücklicht zerkratze ich mit meinem Schlüssel. Dann gehen der Kater und ich weiter.
„Stoppt Tierversuche! Nehmt dafür lieber Kinderschänder!“, rezitiere ich den gelben Aufkleber, „Derart pauschalisierende Verachtung macht mich rasend.“
„Ja, ja.“, sagt der Kater, „Ich kann dein Verhalten trotzdem nicht gutheißen. Immer das gleiche. Die Würde des Menschen ist unantastbar. An uns Kater denkt mal wieder keiner.“

Niveau

Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Sessel. Der Fernseher läuft. Homer würgt gerade wieder Bart. Ein Runningag. Ich lache trotzdem, auch wenn ich es schon gefühlte hundert Mal gesehen habe.
Der Kater kommt herein und schaut einen Moment lang auf den Bildschirm, „Oh.“, sagt er dann.
„Oh?“, frage ich.
„We love to entertain you!“, sagt der Kater, „Dass du dich mit so einem Sender abgibst. Du liest bestimmt auch die Bildzeitung.“
„Na, na.“, sage ich, „Du bist manchmal so furchtbar pauschalisierend. Lass die Leute doch lesen, was sie wollen. Immerhin hat die Bild immer noch die höchste Auflage.“, ich schweige einen Augenblick, „Und du musst ja auch nicht gleich beleidigend werden.“

Würde

Ich komme vollkommen verschlafen aus dem Bad. Es ist ein Freitag Morgen. Sechs Uhr in der Früh. Im Esszimmer setze ich mich an den Tisch und gieße Milch zu den Haferflocken in die Schüssel mit der lustigen Nase. Dann nehme ich den ersten Löffel.
„Du.“, sagt der Kater, während er am Saum meines Bademantels zieht.
„Mhm.“, ich blätter in der Zeitung, die vor mir auf dem Tisch liegt und tauche den Löffel wieder in die Schüssel.
„Du!“, sagt der Kater. Diesmal ein wenig lauter und energischer als davor.
„Hmm?“, mache ich, während ich den Löffel wieder in Richtung Mund führe.
„Duhu!“, der Kater kratzt mich am Bein, Milch und Haferflocken von meinem Löffel landen auf dem Bademantel.
„Lass das.“, sage ich, „Das kannst du doch um die Uhrzeit nicht mit mir machen. Ist ja entwürdigend.“
„Pah!“, ruft der Kater, „Immer beruft ihr euch auf eure Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wie das schon klingt. Immer das gleiche Todschlagsargument.“, der Kater macht ein beleidigtes Gesicht.
„Na, wenn es doch so ist.“
„Was ist so?“, fragt der Kater, „Dass du den Begriff der Menschenwürde beliebig so zu deinen Gunsten drehen und wenden kannst, bis er dir passt und dass er, allein schon durch seinen erhabenen Klang, alle anderen mundtot macht.“
„Na ja.“, dass ist nicht unbedingt der gekonnteste Konter. Aber es ist sechs Uhr morgens. Und ich habe Haferflocken im Schoß. Außerdem hab ich gleich eine Doppelstunde Deutsch. Da kann ich mir eine Diskussion über die Begrifflichkeit der Menschenwürde während des Frühstücks wirklich sparen.
„Das Wort ist doch zu einer bloßen Hülle verkommen.“, mosert der Kater weiter, „Was ist schon Würde? Würde ist ein Konjunktiv. Hat Wolfgang Wickler schon gesagt.“
„Klugscheißer. Ich hab den Artikel auch gelesen.“
„Ist doch so. Nur, weil eine Handvoll Leute euch für das Ebenbild Gottes hällt.“
„Etwas über zwei Milliarden.“
„Und dann die, die eure ach so tolle und einzigartige Vernunftnatur in die Höhe halten. Ihr seid ja die Krone der Schöpfung. An uns Kater hat da mal wieder keiner gedacht.“
„Ach, komm schon.“, sage ich und stoße ihn mit dem Fuß fort, „Schau dir an, was du mit meinem Bein gemacht hast.“, blutige Striemen ziehen sich über meine rechte Wade, „Du böser Kater.“, ich versetze ihm einen leichten Tritt in die Seite.
„Hey!“, ruft der, „Lass das! Die Würde der Kater ist unantastbar!“

Betriebssysteme

„Was machst du denn da?“, will der Kater wissen.
„Ich lese mich durch irgendwelche Kommentare von Apple-Fanboys, Windows-Kiddies und Linux-Weltverbesserern, die sich alle darüber streiten, wer denn nun das bessere Betriebssystem hat und sich sofort persönlich angegriffen fühlen, wenn irgendwer mal was an ihrer Software kritisiert.“, sage ich.
„Aha.“, sagt der Kater, „Interessant. Du, wo wir gerade dabei sind, ich hab mich neulich mal ein bisschen durch deine Mac-Zeitschriften gewühlt. Alles vollkommen verblendeter Schwachsinn.“
„Findest du?“, frage ich.
„Die Artikel sind hinten und vorne geschönt. Und so was spannendes wie den Hauptartikel, der sich mit der unglaublich aufregenden Zusammenarbeit von Kalender und Adressbuch beschäftigt, hab ich schon lange nicht mehr gelesen.“, der Kater verdreht die Augen, „Man kommt sich vor, wie bei einer PC-Einsteiger-Zeitschrift für absolute Vollidioten.“
„Hmm.“
„Von dem Vergleich zwischen Windows 7 und Mac OS X fang ich am Besten gar nicht erst an. Drei Mal darfst du raten, welches Betriebssystem gewinnt.“
Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. Für einen Moment selbst verwundert, dass ich das überhaupt kann.
„Die Voreingenommenheit lässt sich sogar schon aus den Bildunterschriften herauslesen! Aus den Bildunterschriften!“, schimpft der Kater weiter, „Und die beklagen sich doch allen Ernstes, dass sie bei Windows 7 weniger Software mitgeliefert bekommen als bei OS X. Kannst du dir das vorstellen? Kein Wort davon, dass es für Apple sowieso nur einen Bruchteil der Software gibt, die für Windows auf dem Markt ist. Nicht eine Silbe über die Nachteile, Fehler und Mängel. Alles ist nur positiv, positiv, positiv und ja auch so toll und revolutionär und innovativ. Da kann ich mir genauso gut ne Show von und mit Steve Jobs anschauen. Die ist am Ende wahrscheinlich sogar noch unterhaltsamer.“
Der Kater zieht aus einem der unteren Regalfächer eine alte Ausgabe eines der Magazine, legt es vor sich auf den Boden und schaut einen Moment lang auf das Hochglanzcover.
„Du hast über sieben Euro für diesen Schund ausgegeben.“, flucht er dann wieder los, „Und das ganze Regalfach ist voll damit.“
„Ich war jung und hatte das Geld.“
„Ah ja.“
„Und eigentlich hatte ich ne Menge gute Erfahrungen mit Computermagazinen gemacht, die sich mit Windows und Linux befasst haben. Spannende Artikel, Tipps, Tricks, nützliche Programme auf der Heft-CD. Ich hatte eben die Hoffnung, dass die Mac-Zeitschriften mir das gleiche bieten könnten.“
„Da kam die Einsicht wohl ein wenig spät. Das hast du jetzt davon.“, der Kater steckt die Zeitschrift unsanft wieder zwischen die anderen ins Regal. Man hört das knicken von Papier. So ganz will die Zeitschrift nicht mehr da hineinpassen, wo der Kater sie her hat. Er nimmt beide Pfoten zur Hilfe und drückt mit aller Kraft, bis der Zeitschriftenrücken wieder auf einer Höhe mit den anderen ist.
„Und ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viel du für das MacBook da auf deinem Schreibtisch ausgegeben hast.“, der Kater schüttelt den Kopf, „Das du dir überhaupt so nen Schrott zugelegt hast.“
„Immerhin funktioniert er.“
„Ja, ja, das hat man ja an deiner Festplatte gesehen. Als ob ein Windows-Rechner allen Ernstes schlechter laufen würde. Und wenn doch, lohnt es sich dann wirklich, sich dafür von Apple abhängig zu machen?“
„Lass mich doch. Ich mag das Betriebsystem, mag die Optik, die Bedienung und ich fühl mich sicher. Vielleicht ist es manchmal auch einfach komfortaben, sich ein wenig bevormunden zu lassen. Hat doch schon Kant gesagt. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt.“
„Und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“, ergänzt der Kater, „Warum benutzt du kein Linux und führst dich endlich aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit?“
„Hmm.“
„Entscheidet euch für Linux!“, ruft der Kater lauthals.
„Warum schreist du so?“, frage ich, „Und warum sprichst du im Plural?“
„Damit sich deine Leser angesprochen fühlen.“
„Oh.“, sage ich.
„Du, sag mal, kannst du mir vielleicht noch mal kurz helfen, die Treiber für meine neue Hardware zu installieren?“, fragt der Kater, „Nur ganz kurz, bevor du wieder an deiner Kolumne schreibst.“
„Wärst du doch bloß bei Windows geblieben.“, sage ich und folge dem Kater ins Wohnzimmer, wo sein Laptop steht.

Soziale Netzwerke

„Ich soll dich von Xenia grüßen.“, sage ich.
„Von wem?“, fragt der Kater.
„Von Xenia. Ich war früher mal mit ihr in einer Klasse.“, sage ich.
„Aha. Und woher kenne ich Xenia?“
„Wahrscheinlich gar nicht.“
„Und woher kennt Xenia mich?“
„Internet.“
„Internet?“, der Kater schnaubt verächtlich, „Du meinst diesen aus den Fingern gesogenen Mist, den du da über mich schreibst und den dir hoffentlich keiner, aber auch wirklich keiner abnimmt!“
„Was weiß ich. Vielleicht hat sie dich auch einfach nur bei Facebook oder StudiVZ gefunden und findet dich süß. Irgendwie muss man doch den ersten Schritt wagen.“
„Süß? Ich bin doch nicht süß, verdammt noch mal. Und sie kennt mich doch gar nicht. Wie kann sie mich da bitteschön süß finden?“
„Na ja.“, sage ich, „Sie könnte immerhin deine Lieblingsbücher und deine Vorliebe für klassische Musik kennen, könnte wissen, dass du ein Faible für Filme von Stanley Cubric hast, gerne ins Theater gehst und bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf für, na ja, du weißt schon für wen gemacht hast. Von deinen Hobbys ganz abgesehen. Und sie könnte natürlich wissen, dass du single bist.“
Der Kater schweigt einen Augenblick.
„Oh, und ich glaube, sie könnte die Bilder von neulich Abend gesehen haben, als du mit mir und den Jungs in der Kneipe warst.“, füge ich hinzu.
„Hättest du mich da bloß nicht drauf verlinkt.“, murrt der Kater.
„Ach, so schlimm sahst du doch gar nicht aus. Du hattest ja noch nicht mal was getrunken. Die Bilder würden selbst die prüdeste Personalabteilung nicht abschrecken.“
„Ich hätte mich niemals bei dem Mist anmelden sollen.“, seufzt der Kater.
„Hast du neuerdings was dagegen, wenn dir junge Damen ihr Interesse bekunden?“
„Ach, von diesem Social-Network-Kram hat doch keiner was. Und es ist doch komisch, von wildfremden Leuten gegrüßt zu werden, von den man sein Leben lang noch nichts gehört hat. In meinem Fall sogar schon fünf Leben lang.
„Ach, komm schon, du siehst das doch nur so mürrisch, weil du bei Facebook weniger Freunde hast als ich.“, sage ich.
„Dafür hab ich aber mehr Pinnwandeinträge!“, schnaubt der Kater triumphierend, springt vom Schreibtisch und mach sich in Richtung Küche davon.

Vampirgeschichten

„Ich will ja nichts sagen.“, sage ich.
„Du sagst aber was.“, sagt der Kater.
„Lass mich doch wenigstens ausreden.“
„Warum?“, fragt der Kater, „Du willst doch gar nichts sagen.“
„Will ich wohl!“, sage ich.
„Dann sag doch“, sagt der Kater.
„Hast du mal in den Bücherkatalog hier geguckt?“, frage ich ihn.
„Nein.“, antwortet er, „Warum denn?“
„Zur Zeit sprießen diese Vampirgeschichten wie Unkraut aus dem Boden. Das ist wirklich kaum zu glauben. Nur weil eine Autorin Erfolg damit hatte, machen es auf einmal alle nach. Dämliche Kommerzliteratur.“
„Du machst es schon wieder.“, sagt der Kater.
„Was denn?“, frage ich und sehe ihn leicht verwundert an.
Du schimpfst beim Thema Gegenwartsliteratur auf die kommerz-orientierten Bücher.
„Oh.“, sage ich, „Stimmt.“
„Scheinbar habe ich doch einen halbwegs guten Einfluss auf dich.“, der Kater schaut selbstzufrieden aus dem Fenster.
„In deinen Träumen vielleicht.“, sage ich, „Aber jetzt hör dir das mal an: Die Serie mit Biss: Im Zwielicht. In der High-School verliebt sich die 16-jährige Roswitha in den äußerst attraktiven Dirk. Was sie nicht weiß: Er ist ein Vampir und stammt aus dem Berlin der dreißiger Jahre.“, zitiere ich eine Zusammenfassung aus dem Büchkatalog. Auf vier Doppelseiten in trendigem und düsterem Vampir-Look finden sich hier etwas mehr als 20 Bücher oder Buchreihen, die von jungen Mädchen handeln, die entweder entdecken, dass sie ein Vampir sind oder die sich in einen verlieben.
„Woran erinnert dich das?“, frage ich den Kater.
„Da war doch so ein Kinofilm. Der, in den die ganzen Teenie-Mädchen gerannt sind, oder?“
„Genau der. Basierend auf besagter erfolgreicher Buchvorlage, die für diese ganze Manie verantwortlich ist. Die, in der ganz zufällig auch die Begriffe Biss und Zwielicht auftauchen. Und High-School-Mädchen. Und Vampir. Ganz zufällig.“
„Ach, lass doch die ganzen Trittbrettfahrer. Die besten Geschichten schreibt eben das wahre Leben selbst.“
„Die besten Geschichten? Das wahre Leben? Mit Vampiren? Als Mehrteiler?“, ich mustere den Kater. Erst ungläubig, dann erstaunt. Sind das da kleine spitze Vampirzähne, von denen Blut tropft?
„Du Idiot.“, sagt der Kater, der meinen leicht erschrockenen Blick offensichtlich richtig gedeutet hat und dreht sich wieder zu seinem Kirschwein um.
„Immer diese leichtgläubigen Menschen.“, sagt er, „Heutzutage weiß doch jeder, dass Vampir-Kater im Sonnenlicht glitzern.“

Kartensalat

Der Kater und ich stehen im Supermarkt an der Kasse. Die freundliche Kassiererin zieht unsere Tiefkühlpizzen, das Eis, die Pommes, die Cola, das Baguette und den Lachs über den Scanner.
„Das macht dann bitte 14 Euro und 29 Cent.“, sagt sie.
„Kann ich mit Karte zahlen?“, frage ich.
„Selbstverständlich.“, sagt sie.
Ich hole mein Portmonee aus der Innentasche meines Mantels und klappe es auf. Eigentlich steckt die Karte gleich ganz oben, direkt unter dem Führerschein, der ja mittlerweile das gleiche Format besitz, und zukünftig wohl dem Personalausweis, dem ja ein ähnlich herabwürdigendes Schicksal droht. Führerschein und Ausweis hin oder her, an zweiter Stelle kommt die Karte der örtlichen Stadtbibliothek zum Vorschein. Nichts mit Electronic Cash. Ich suche weiter. Darunter ist die Karte einer anderen Stadtbibliothek, die ich hin und wieder besuche, darunter die VIP-Karte von Subway, die Karte meines DVD-Verleihs, die BahnCard, eine MasterCard, eines dieser schönen Kartenbeispiele, die immer in den Fächern stecken, wenn man das Portmonee neu Kauft, darunter die Karte meiner Krankenversicherung, mein alter Schülerausweiß, auch im Scheckkartenformat, die Clubkarte eines Verein, den ich lieber vergessen möchte, eine Kundenkarte, und noch eine andere, eine mit Bonuspunkten, weiß Gott, warum ich da mitgemacht habe, zwei private und eine Gewerbliche Visitenkarte, ein Taschenkalender im gleichen Format und eine Lupe, die ich nie, aber auch wirklich noch nie gebraucht habe.
„Sag mal“, frage ich den Kater, „hast du mein Bankkarte gesehen?“
Der Kater streckt mir eine kleine blaue Karte entgegen, „Meinst du die hier?“, fragt er mit unschuldiger Miene, „Ich hab gedacht, du würdest sie bei all den anderen Karten gar nicht vermissen.“
„Was hast du damit gemacht?“, frage ich. Ein ungutes Gefühl üefällt mich.
„Erinnerst du dich an den Sonntag Morgen, den du komplett verschlafen hast? Den vor zwei Wochen?“, frag der Kater.
„Es geht.“
„Während du geschlafen hast, war mir langweilig.“
„Das heißt?“
„Na ja, da hab ich eben ein wenig ferngesehen.“
„Und?“
„Teleshopping.“
„Du hast was?!“, der ganze Kassenbereich ist allarmiert.
„Ich habe mir ein goldenes Futternäpfchen gekauft.“
„Du hast was?!“, diesmal ist der ganze Supermarkt allarmiert, mindestens bis zur Fleischtheke am anderen Ende.
„Reg dich nicht so auf, er war gar nicht aus Gold. Alles nur Betrug.“
„Ach wirklich?“, sage ich. Vielleicht lockert ein wenig Sarkasmus die Stimmung auf.
„Der Napf war bloß aus Messing.“, der Kater macht ein trauriges Gesicht.
„Und wie viel hast du dafür bezahlt?“
„Oh, nur 125 Euro und 95 Cent. Ein echtes Schnäppchen. Und es waren nur noch sieben Stück auf Lager.“
Ich drehe mich zur Kassiererin und reiche ihr die Karte. Dann wende ich mich langsam, ganz langsam wieder dem Kater zu.
„Du gibst den Napf zurück!“
„Das kann ich nicht.“
„Warum das denn?“
„Ich hab die Rechnung verloren.“
„Du hast was?!“, diesmal ist auch der Parkplatz und das Lager allarmiert.
„Entschuldigen Sie“, sagt die Kassiererin in einem freundlich Tonfall, „Ihre Karte wird nicht angenommen.“
„Meine Karte wird was?!“
„Nicht angenomen“, sagt sie. Was für ein bedeutungsschwangerer Teilsatz. Ich reiße ihr das Stück Plastik aus der Hand und stürme aus dem Supermarkt. An der Ausgangstür holt mich der Kater ein.
„Du.“, sagt er.
„Was denn noch?“, frage ich.
„Was wird denn jetzt eigentlich aus dem Lachs?“

Bei Rot gehen, bei Grün stehen

Der Kater und ich stehen an der Ampel. Vor uns rauschen sporadisch Autos vorbei. Von links nach rechts, von rechts nach links.
„Drück mal.“, sagt der Kater.
Ich drücke. Der Knopf mit dem stilisierten kleinen Männchen beginnt lustig zu blinken.
„Das war aber schon gelb.“, sagt der Kater, als ein grüner Kombi im letzten Moment noch den Fußgängerüberweg passiert. Einen Augenblick später huscht er über die Straße.
„Das war jetzt aber noch rot.“, sage ich, warte, bis die Ampel tatsächlich auf Grün wechselt und folge dem Kater.
„Rot oder Grün,“, sagt der, „was macht das schon? Wer hat sich das denn überhaupt ausgedacht? Bei Rot stehen, bei Grün gehen.“, der Kater schüttelt den Kopf, „Den möcht ich gern mal treffen. Dann geht der bald überhaupt nicht mehr.“

Pointen

„Ich hab mich im Internet mal ein wenig schlau gemacht, wie man gute Pointen schreiben kann.“, sage ich.
„Und?“, will der Kater wissen.
„Da steht, man soll etwas vollkommen unerwartetes geschehen lassen.“, sage ich.
„Aha.“, sagt der Kater, dreht sich vollkommen unerwartet um und geht.

Literaturschund

Der Kater kommt mit einer großen, hellblauen Plastiktüte durch die Tür, die er mühevoll hinter sich herzieht. Offensichtlich war er bei einer Filiale einer großen, überregionalen Buchhandelskette.
„Was hast du denn da verbrochen?“, frage ich ihn.
„Gar nichts, ich war nur beim Buchhändler.“, antwortet er.
„Beim Buchhändler? Sieht für mich mehr nach moderner, umsatzorientierter, unpersönlicher Kundenabfertigung im großen Stiel aus. Von der unvertretbaren Expansionspolitik einmal abgesehen.“
Der Kater geht geflissentlich über meinen Kommentar hinweg.
„Was hast du dir denn gekauft?“, frage ich weiter, „Wieder was von Nietzsche oder Schopenhauer?“
„So einen dicken Wälzer, über Orks, Trolle und andere böse Monster.“
„Fantasy.“, stelle ich erstaunt fest, „Wie heißts denn?“
Die Feen.“
„Von Wagner?“
„Nein, von irgendeinem Jungspund von Schreiber. Ich hab die Verkäuferin gefragt, was sie mir denn in dem Bereich empfehlen könne. Ich wollte mal was Neues ausprobieren.“
„Oha.“
„Und die Fortsetzung habe ich mir auch gleich gekauft. Der Kampf der Feen.“
„Was für ein geistreicher Titel. Erst kamen Die Orks, dann Die Trolle, Die Zwerge, Die Elfen, Die Kobolde, Die Drachen, jetzt Die Feen. Wo soll das denn noch hinführen?“, frage ich, „Das ist doch alles bloß einfallsloser Kommerz.“
„Seit wann schimpfst du denn auf Kommerz?“, will der Kater wissen.
„Oh, tschuldige. Ich glaube, du färbst ein wenig ab.“
„Das kann ja nur gut für dich sein.“
„Ansichtssache.“, murmle ich.
„Was sagst du?“
„Ach, nichts.“
„Was hast du denn jetzt gegen das Buch?“
„Nichts. Das ist nur mindestens genauso schlimm, wie dieser neue Pocahontas-In-Space-Verschnitt, der zur Zeit im Kino läuft und vollkommen zu Unrecht als bester Film aller Zeiten gefeiert wird. Das ist keine Kunst, das ist einfach nur effekthascherisches Blendwerk. Weiter nichts. Mit den Büchern ist es doch der gleiche Mist. Viel Tamtam und nichts dahinter. Ich frage mich bis heute, wie man so viel Nichts auf so viele Seite bannen kann, dass dabei jedes Mal ein Todschläger von einem Wälzer rauskommt. Und wenn er dich nicht mit der Seitenzahl todschlägt, dann mit der Langeweile.", ich mache eine bedeutungsschwangere Pause, „Zeig mal her das Buch.“, sage ich dann.
Der Kater greift in die Tasche, zieht eines der beiden Bücher heraus und reicht es mir. Ich lese laut von der Rückseite vor:
Nach den sensationellen Bestsellern Die Orks und Die Elfen jetzt Die Feen!
Sie denken wirklich, Sie kennen alle Völker der Fantasy? Sie sind mit den Zwergen durch dunkle Stollen gehuscht, haben mit den Orks grauenvolle Schlachten geschlagen und mit den Elfen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Fantasy, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn eine dunkle Bedrohung zieht über das Land hinauf und allein die Feen sind dazu bestimmt, ihr entgegenzutreten.
Der Fantasy-Roman des Jahrzehnts!“
„Was soll denn dieser satirische Unterton?“ fragt der Kater
„Ach nichts.“, sage ich.
„Jetzt hab dich mal nicht so. Du hast doch selbst das halbe Regal voll mit solchem Kram. Von deiner Kolumne mal ganz abgesehen. Du bist doch nur neidisch, dass du es selbst noch nicht geschafft hast, irgendwas zu publizieren.“
„Stimmt doch gar nicht.“, sage ich.
„ Nach den sensationellen Bestsellern Der Hund und Der Hamster jetzt Der Kater!“, äfft der Kater nach, „Sie denken wirklich, sie kennen alle Haustiere? Sie sind mit den Hunden morgens um halb sechs Gassi gegangen, haben ihren Hamster tief in der Nacht in seinem Laufrad gehört und mit den Goldfischen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Haustierwelt, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn ein dilletantischer Schriftsteller wirft ein vollkommen falsches Licht auf sie! Und allein die Kater sind dazu bestimmt, ihm entgegenzutreten.
Der Haustier-Roman des Jahrhunderts!“

Valentinstag

„Valentinstag. Der Tag der Liebenden.“, sagt der Kater, kurz bevor er einen großen Bissen von seinem Lachsbaguette nimmt. In seiner Stimme schwingt ein wenig verächtlicher Spott mit, „Nicht, dass ich den Liebenden die Liebe missgönnen würde“, sagt er mit vollem Mund, „aber was hat sie euch Menschen denn jemals gebracht?“
Ich überlege einen kurzen Augenblick. „Viele Glückliche“, setze ich dann an. Aber der Kater fällt mir ins Wort.
„Portmonees.“, sagt er.
„Viele glückliche Portmonees?“, frage ich.
„Ja, und zwar eine ganze Menge. Von einem großen Haufen Blumenhändler.“
„Was haben denn die Blumenhändler jetzt damit zu tun?“
„Na, das ist doch sternenklar.“, sagt der Kater, „Die Blumenhändler haben den Valentinstag erfunden, um ihre Umsätze ein wenig zu steigern. Deswegen liegt er auch im Frühjahr, da sind die meisten Menschen verliebt. Also kaufen noch mehr Leute Rosen, Efeu und anderes Gestrüpp. Und zwar beim Blumenhändler ihres geringsten Misstrauens. Für ein Heidengled, anstatt sich einfach selbst welche zu pflücken. Da sind die Menschen heutzutage nämlich auch zu faul zu. Wir leben in einer konsumgeilen und faulen Gesellschaft. Und weil die schlauen Blumenhändler das erkannt haben, kannst du den Strauß für deine Liebste jetzt auch schon übers Telefon oder übers Internet verschicken. Grußkarte mit Wunschtext inklusive.“
„Jetzt übertreibst du aber ein bisschen. Das klingt ja schon fast so, als würden die Blumenhändler die Weltmacht anstreben.“, bei dem Gedankne an einen Weltdiktator vor einem wunderschönen, von ihm selbst gemachten Strauß am Rednerpult und einer Schnittblume im Rever muss ich schmunzeln.
„Du machst dich schon wieder über mich lustig!“, beschwert sich der Kater.
„Mache ich gar nicht.“
„Machst du wohl! Nur, weil du so unmündig bist, wie der ganze Rest unserer Gesellschaft, und es vorziehst, in deiner bequemen Lebenslüge zu leben, anstatt dich endlich davon zu befreien und die Wahrheit zu erkennen.“
„Die Wahrheit, dass die bösen, bösen Blumenhändlerinnen und Blumenhändler langsam aber sicher die Weltherrschaft an sich reißen werden und schon jetzt dabei sind, uns an ihrem eigenen Feiertag, den aber niemand von uns als solchen erkennt, das Geld aus der Tasche zu ziehen?“
„Ja.“, der Kater klingt todernst.
Ich muss lachen. Es klingelt an der Tür.
„Oh, das ist meine Freundin.“, sage ich und stehe auf.
„Hast du daran gedacht, ihr ein Geschenk zu besorgen? Als verblendetes Opfer der Blumenhändler erwartet sie sicher irgendetwas.“
Ich stutze. Nein, ich habe nichts besorgt. Bevor der Kater mit dem Thema angefangen hat, habe ich auch gar nicht daran gedacht, das heute Valentinstag ist.
„Ich kann dir die hier für zwei Euro überlassen“, sagt er und zieht eine Rose hinter seinem Rücken hervor.

Verwaltungsentscheidungen

Ich drücke auf den kleinen runden Klingelknopf aus Plastik, neben dem das krakelig von Hand beschirebene Namensschild meiner Eltern angebracht ist. Jemand nähert sich von Innen der Tür. Der Schlüssel wird im Schloss gedreht, die Klinke heruntergedrückt und die Tür öffnet sich. Vor mir sitzt der Kater.
„Oh, ein Schneemann.“, sagt der.
Ich grummle, mache einen großen Schritt über ihn hinweg und klopfe den Schnee von meinem Mantel, bis man wieder erkennen kann, dass er eigentlich schwarz und nicht schneeweiß ist.
„Hey!“, beschwert sich der Kater, „Lass das!“, er schüttelt den Schnee aus seinem Fell.
Ich lasse den Mantel auf ihm Fallen. Ein dumpfer Schwall von Flüchen dringt zum Dank von unter der schwarzen Wolle an mein Ohr. Als sich der Kater aus dem Mantel gekämpft hat, habe ich schon meine Schuhe ausgezogen.
„Bist du irgendwie mies drauf“, fragt der Kater. So viel Empathie hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
„Nein, warum sollte ich.“, antworte ich, während ich in die Küche gehe, um mir eine Tasse Tee zu machen, „Ich bin heute morgen um sechs Uhr aufgestanden, als ich um halb acht schon längst auf dem Weg zur Schule war, wurde im Radio bekanntgegeben, dass die Schule ausfällt. Der schlechten Witterung wegen.“
„Ist doch toll.“, sagt der Kater.
Ich krame im Schrank nach den Teebeuteln. „Toll wäre es, wenn die Meldung nicht neun Minuten später wieder aufgehoben worden wäre.“
„Oh.“
„“Ja. Und so wie es aussieht, war unser Landkreis so ziemlich der Einzige, in dem die Schule nicht ausgefallen ist. Mehr noch, Grund-, Haupt- und Ralschule haben sich auf eigene Faust einen faulen Lenz gemacht. Nur wir mussten uns den ganzen Vormittag durch den Unterricht quälen.“
„Bestimmt, weil ihr Gymnasiasten euch besser durch die widrigen Witterungsbedingungen kämfen könnt, als all die anderen.“, sagt der Kater.
„Ja, ja. Pustekuchen. Das andere Gymnasium hat die Schüler auch wieder nach Hause geschickt. Sag mal, hast du die letzten Teebeutel gesehen?“
„Den letzten Teebeutel? Ähm, nein, eigentlich nicht.“
Ich setzte mich auf einen der Küchenstühle und seufze resigniert. „Heute hatten wir Unfälle auf den Straßen, Stau, Glatteis, den ganzen Tag hörst du schon Sirenen, ein paar Busse hatten über zwei Stunden Verspätung, andere sind ganz ausgefallen, in halb Deutschland herrscht Chaos. Es gibt sogar eine Luftbrücke nach Hiddensee. Und wir müssen zur Schule. Dabei ist die letzten Monat schon wegen geringerem ausgefallen. Und hier ist das Wetter unter keinen Umständen weniger schlimm, als in all den umliegenden Kreisen, die heute Schulfrei verkündet haben. Und jetzt sind wir so ziemlich der einzige Landkrei, in dem die Schule nicht ausfällt. Wahrscheinlich, weil wir letzten Monat der einzigen waren, in dem sie ausgefallen ist.“
„Ja, das ist schlimm.“, der Kater nickt eifrig.
„Du, was riecht denn hier so nach Pfefferminz?“, frage ich
„Nach Pfefferminz?“, fragt der Kater, „Das muss der Gestank des unkoordinierten, verantwortungslosen, popularistischen Landrats sein, der euch heute nicht freigeben wollten.“

Die Deutsche Bahn

„Guten Tag.“, ein Schaffner mit schwarzem, fleckigem Dreitagebart betritt unser Zugabteil, „Einmal die Fahrkarten, bitte.“
„Na klasse.“, sagt der Kater.
„Was hast du denn?“, frage ich, während ich in meiner Innentasche nach dem Ticket fische.
„Die Frage ist, was ich nicht habe.“
„Oh, da fällt mir aber einiges ein. Taktgefühlt, Verständnis, Hilfsbereitschaft, ein Sättigungsgefühl, ein gewisser Sinn für Ordnung, eine gutmütige Ader.“
„Ich meine meinen Fahrschein.“, der Kater grummelt.
„Du bist doch ein Kater, du brauchst gar keinen Fahrschein.“
„Was weißt du schon? Ich war mal der Hauskater von Mehdorn. Wenn es nach dem ginge, müsstest du sogar schon für deine Jacke ein extra Ticket ziehen.“
„Einmal die Fahrkarten. Bitte.“, der Schaffner steht neben uns.
„Einmal den guten Service. Bitte.“, sagt der Kater.
Ich schaue ihn entgeistert an.
Der Schaffner schaut ihn noch viel entgeisterter an.
Der Kater schaut verständnislos zurück.
„Letzte Woche kam unser Zug drei Mal zu spät.“, setzt der Kater an.
„Das tut mir sehr leid.“, sagt der Schaffner, „Auch, dass er vergangene Woche einmal ersatzlos ausgefallen ist und dass Ihr Regional Express einmal an allen Unterwegsbahnhöfen gehalten hat, weil die vorher fahrende Regionalbahn leider gar nicht gefahren ist. Selbstverständlich tut mir auch Leid, dass wir einen Großteil der Streckenstörungen selbst zu verschulden haben, dadurch, dass wir zwei Weichenheizungen entfernt haben, um Kosten zu sparen. Und das mit der Begründung, dass die Winter jetzt sowieso nicht mehr so kalt werden würden. Ich entschuldige mich außerdem ausrücklich dafür, dass Sie letzten Monat vollkommen arglos in einen Regionalexpress gestiegen sind, der Sie binnen zehn Minuten an Ihr Ziel hätte bringen sollen und dass dieser Regionalexpress kurz vor ihrem Zielbahnhof unplanmäßig die Route geändert hat, ohne das zuvor auf irgendeine Weise daraufhingewiesen wurde. Selbstverständlich tut mir Leid, dass die Fahrt statt der erwarteten zehn Minuten volle drei Stunden in Anspruch genommen hat. Und ich möchte mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass es dauernd Ihre Bahn ist, die mitten auf der Strecke stehen bleiben muss, um einen viel, viel wichtigeren ICE oder Güterzug passieren zu lassen.“
Das Kater schaut mich mich mit zusammengekniffenen Augen an.
„Würdest du bitte aufhören, deine Macht als Schriftsteller dazu zu missbrauchen, anderen Leuten Dinge in den Mund zu legen, die sie sonst niemals sagen würden?“, sagt der Kater.
Ich überlege einen Moment.
„Es tut mir Leid.“, sagt der Kater dann. „Es tut mir Leid, dass ich bei dir eingezogen bin, deine Vorräte plündere, deine Einrichtung verwüste, dich bei den Hausaufgaben und auch sonst dauernd störe, so viele Haare auf dem Teppich, deinen Klamotten und dem Bett lasse, und dass ich mich noch nichteinmal erkenntlich dafür zeige, dass du all das so anstandslos duldest.“

Von Recht und Unrecht der Rechtsprechung

„Komm mal eben.“, ruft der Kater aus der Küche.
Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und gehe zu ihm.
„Ich kann nichts dafür.“, sagt der Kater. Er sitzt vor der geöffneten Kühlschranktür. Um ihn herum liegt beinahe der gesamte Vorrat an Lebensmitteln, den unsere Küche zu bieten hat. Der Kühlschrank ist komplett ausgeräumt. Der gegenüberliegende Einbauschrank auch. Nur an die oberen Fächer ist der Kater nicht herangekommen.
„Ich war auf der Suche nach dem Lachs.“, sagt der Kater.
Ich schweige.
„Kannst du mir sagen, wo er ist? Ich kann ihn nämlich beim besten Willen nicht finden.“
Ich schweige weiter.
„Oder haben wir etwa gar keine Lachs da?“, fragt der Kater.
„Doch, wir haben Lachs da.“, sage ich langsam. Sehr langsam.
„Oh, gut. Wo denn?“, will der Kater wissen.
„Er ist da oben. Im Kühlschrank. Ganz hinten.“, sage ich.
„Holst du ihn mir raus? Ich komm da nämlich gar nicht ran.“
„Deswegen steht er da.“, sage ich, „Außerdem bekommst du von mir in nächster Zeit kein Lachs-Baguette mehr.“
„Warum das denn?“, fragt der Kater mit weiten Unschuldsaugen.
„Weil du unsere Küche verwüstet hast.“
„Wann das denn?“, will der Kater wissen.
„Gerade eben.“, sage ich.
„Habe ich gar nicht“, widerspricht er.
„Schau dich mal um. Wonach sieht das hier denn für dich aus?“, frage ich, „Nach preußischer Ordnung?“
„Na ja, vielleicht eher nach hundertwasserscher Ordnung.“, der Kater lässt seine Augen prüfend über das Chaos wandern, „Oder nach Kandinski.“
„Das kann doch nicht wahr sein.“, sage ich.
„Glaubst du etwa nicht mehr an die Realität?“, fragt der Kater.
„Doch. Und ich glaube an eine Realität ohne Lachs für dich.“
„Warum? Was ist denn daran so schlimm, dass ich den Lachs suche?“
„Nicht das Suchen ist schlimm. Nur deine Methode.“
„Dann musst du mir das vorher doch sagen.", sagt der Kater, „Das war nicht unter unseren vereinbarten Regeln aufgeführt.“
„Aber es ist doch vollkommen selbstverständlich, dass man nicht anderer Leute Küchen zerstört!“, rufe ich außer mir.
„Zum Pinkeln das Katzenklo benutzen, nicht mit dreckigen Pfoten über den Teppich laufen, nicht die original Cola-Gläser benutzen, nicht an den Laptop gehen.“, beginnt der Kater die festgelegten Regeln für seine Duldung zu rekapitulieren, „Du kannst mich doch jetzt nicht für etwas bestrafen, das zu dem Zeitpunkt, zu dem ich es getan habe, nämlich vor fünf Minuten, noch gar nicht strafbar war. Das ist Unrecht!“, der Kater stapft entschlossen mit einer Pfote auf.
„In meinen Augen war es Strafbar. Und Unwissenheit schützt bekanntermaßen vor Strafe nicht.“
„Ach.“, sagt der Kater, „Und das sagt ausgerechnet mein Mittäter.“
„Dein Mittäter?“, ich kann der Logik des Katers nicht so ganz folgen.
„Ja, natürlich, was denn sonst? Schon Adenauer hat gesagt, dass man durch ein Unterlassen genauso schuldig sein kann, wie durch das Handeln selbst.“
„Hat er das?“
„Ja.“
„Und was habe ich in deinen Augen unterlassen?“
„Du hast unterlassen, mir beim Lachssuchen zu helfen.“
„Ich konnte gar nicht wissen, dass du Lachs suchst. Wie hätte ich dir da helfen sollen?“
„Ja, ja, das sagst du jetzt so. Wenn jemand der alten Oma auf der Straße die Handtasche klaut, wartest du doch auch nicht erst, bis sie auf dich zukommt und sagt: Hören Sie mal Jungchen, der dreiste Kerl da hinten, der, der so schnell rennt, hat meine Handtasche geklaut. Ob Sie mir vielleicht eben helfen würden?“
Ich schlage meine Hände über dem Kopf zusammen. Mit Katern lässt sich nicht diskutieren.
„Kein Lachs.“, sage ich dann, „Nie mehr.“
„Der von euch, der Frei von Sünde ist“, beginnt der Kater.

Anführungszeichen

He, ich hab deinen Weblog gesehen, du schreibst ja über mich!, „sagt der Kater.“
Wie hast du den denn gefunden?, „frage ich erstaunt.“
Hab deinen Namen gegoogelt., „sagt der Kater.“
Aha.
Aber über die inhaltliche Richtigkeit lässt sich streiten., „sagt der Kater.“
Soso, lässt sich das. Ich bin eigentlich der Meinung, alles tatsachengetreu und erhlich dargestellt zu haben. , „sage ich.“
Nichts da, du stellst mich als ein sadistisches Untier da., „sagt der Kater entrüstet.“
Na ja, man muss ja nicht gleich übertreiben. So schlimm ist es nun auch nicht, „sage ich.“
Wohl, „Meint der Kater“, Außerdem machst du da dauernd was mit dem Anführungszeichen falsch. Da, jetzt schon wieder! Seit wann gehören die denn um das, was jemand sagt?
Du brauchst wohl ein wenig Deutschnachhilfe, oder?, „es ist ein ehrliches Angebot von mir.“
Nichts da, ich war mal der Hauskater von Thomas Mann. Gib mir den Stift, ich korrigier das eben., „Sagt der Kater, kommt auf mich zu und versucht, mir den Stift aus der Hand

Praktikumszeugnisse

„Was suchst du denn da?“, fragt der Kater.
„Ach, nur meine alten Praktikumszeugnisse.“, sage ich, während ich meinen Kopf aus einem großen Umzugskarton hebe.
„Aha.“, sagt der Kater.
„Ja, mir ist gestern Abend schlagartig klar geworden, dass ich in diesem Jahr, wenn denn alles gut läuft, mit der Schule fertig bin.“
„Mhm.“
„Und da würde es ja dann doch so langsam mal Zeit werden, sich zu bewerben. Bei Ausbildungsbetrieben, Universitäten, dem kleinen Kiosk um die Ecke oder bei Pizza Flizza.“
„Aha.“
„Und zumindest bei ersteren wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich wenigstens eine Bescheinigung über die Praktika vorweisen könnte.“
„Ja, ja.“, sagt der Kater gedankenabwesend, während er wieder ein wenig Holz und ein paar zerknüllte Blätter Papier in den Kamin wirft.
Ich lasse mich erschöpft neben dem kleinen Stapel an Umzugskartons fallen, die ich aus dem Keller geholt habe. Vor mir auf dem Boden erstreckt sich mittlerweile eine Vielzahl von Ordnern, Papieren und alten Zeitungen, von denen ich schon gar nicht mehr weiß, warum ich sie überhaupt aufgehoben habe.
„Was sind schon Zeugnisse und Praktikumsnachweise?“, fragt der Kater plötzlich.
„Naja, heutzutage brauchst du sogar das Abitur, wenn du nur an der Pommesbude arbeiten möchtest. Außerdem wird vom professionellen Pommes District Manager und Sales Representative doch mindestens fließende Fremdsprachenkenntnis verlangt.“, sage ich.
„Ach, immer dieser Leistungsdruck.“, sagt der Kater und schnaubt verächtlich, „Wenn du mit der Schule fertig bist, sollst du nebenbei am Besten gleich noch fünf Praktika und ein Auslandsjahr hinter dir haben, außerdem die Teilnahme an ungezählten Arbeitsgemeinschaften und soziales Angagement innerhalb und außerhalb der Schule. Von einem Schnitt, der nicht schlechter als eins komma vier sein darf ganz zu schweigen.“
„Hmm.“, sage ich.
„Und du unterwirfst dich diesen Zwängen auch noch!“, sagt der Kater.
„Ich unterwerfe mich diesen Zwängen auch noch?“, frage ich.
„Ja, genau, du unterwirfst dich diesen Zwängen auch noch!“, sagt der Kater.
„Aha.“, sage ich, „Warum?“
„Na, weil du derart viel Zeit und Energie verschwendest, nur um ein paar Stücke Papier zu finden, die für dich noch nicht einmal einen besonderen emotionalen Wert haben. Du brauchst sie nur, um in der Gesellschaft zu funktionieren.“
„Aha.“, ich klinge noch nicht ganz überzeugt.
„Du klingst noch nicht ganz überzeugt.“, stellt der Kater fest
„Nein, ich klinge noch nicht ganz überzeugt.“, sage ich überzeugt.
„Hmm.“, der Kater schweigt einen Augenblick. Dabei wirft er wieder ein paar Blatt Papier ins Feuer.
„Ich wusste gar nicht, dass du damals bei deinem Praktikum sogar im Kassenbereich eingesetz wurdest.“, sagt er, während er zusieht, wie das maschinenbeschriebenen und handunterzeichnete Papier langsam verbrennt und zu einem schwarzen Häufchen Asche wird.

Lachs-Baguette

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Ich sitze am Küchentisch und esse eine Scheibe Brot. Neben mir, auf dem Tisch, sitzt der Kater und liest in der Zeitung, die aufgeschlagen vor uns liegt. Vor sich hat er eine Tasse Pfefferminztee stehen.
„Du?“, fragt der Kater.
„Mhm?“, mache ich.
„Danke für den Tee.“
„Kein Ding.“
„Sag mal, würdest du mir vielleicht auch noch was zum Frühstück machen?“
„Was willst du von mir?“, frage ich etwas ungläubig zurück. Ich habe es schon für eine furchtbar noble Geste von mir gehalten, den Kater überhaupt in mein Haus zu lassen. Ganz zu schweigen davon, dass er auch noch die Nacht über bei mir schlafen durfte, dass ich ihm eine Tasse Tee gemacht habe und mit ihm die Zeitung teile.
„Am liebsten eigentlich den Räucherlachs.“, sagt der Kater, „Den hab ich vorhin bei euch im Kühlschrank gesehen.“
„Aha.“, sage ich. Hat er meine Frage wirklich missverstanden oder ignoriert er meinen leicht entrüsteten Unterton aus reiner Berechnung?
„Also, machst du mir jetzt was zu essen?“, fragt der Kater. „Wie wäre es mit einem Lachs-Baguette? Ihr habt doch bestimmt noch irgendwo Ei und frischen Salat, oder?“
„Du machst wohl Witze.“, sage ich. Man wird ja wohl noch hoffen dürfen.
Der Kater legt seinen Kopf schief und schaut mich mit großen Augen an. Nein, er macht keine Witze.
„Hör zu.“, beginne ich, „Ich kann dir jetzt nichts zu essen machen, ich muss gleich los. Sonst komm ich zu spät zur Schule.“
„Ach, was ist schon Schule?“, fragt der Kater.
„Ich mache dieses Jahr mein Abitur.“, sage ich, „Da möchte ich nicht dauernd zu spät kommen.“
„Nicht dauernd zu spät kommen.“, wiederholt der Kater, „Du kommst also häufiger zu spät. Dann kann es auf dieses eine Mal mehr oder weniger auch nicht ankommen.“
Genervt blicke ich über den Rand meiner Brotscheibe zum ihm.
„Du kannst den Rest von meinem Brot haben.“, sage ich schließlich.
„Den möchte ich aber gar nicht. Ich will ein Lachs-Baguette.“
„Das bekommst du aber nicht, meine Eltern brauchen den Lachs Bestimmt noch zum Kochen.“
„Ach, komm schon.“
„Nein.“
„Ich will jetzt aber mein Lachs-Baguette haben!“, ruft der Kater und springt vom Tisch. Keine drei Sätze später ist er schon beim Kühlschrank angelangt und versucht ihn mit seinen Pfoten aufzubekommen. Irgendwann gibt er auf und springt auf die Arbeitsfläche.
„Ich muss dich warnen.“, sagt er, während er über das Cerankochfeld läuft, „Ich bin ein furchtbar schlechter Koch. Wenn du mich alleine Futter machen lässt, liegt danach bestimmt die ganze Küche in Schutt und Asche. Ach, was sage ich? Das ganze Haus!“
Aus irgend einem Grund glaube ich ihm aufs Wort. Er springt rüber zur Spüle und wirft dabei zwei Gläser um. Eines zerschellt auf dem Boden.
„Ist ja gut.“, sage ich, stehe auf, gehe zum Kühlschrank und hole den Lachs heraus.

Pfefferminztee

Ding Dong. Es klingelt an der Tür. Widerwillig lege ich das Buch zur Seite und stehe auf. Ding Dong. Schon wieder. Es ist elf Uhr abends. Wer hat bloß die Nerven, mich um diese Zeit zu stören?
Ich drehe den Schlüssel im Schloss, drücke die Klinke herunter und öffne die Tür einen Spalt breit. Kalte Winterluft schlägt mir entgegen. Es hat geschneit. Auf den Stufen vor meiner Tür sitzt ein Kater. Sonst ist weit und breit niemand zu sehen. Ich zwinge mich, meinen Kopf aus der Tür hinaus in die Kälte zu stecken, blicke nach rechts, dann nach links. Ich seufze, ziehe meinen Kopf zurück ins Warme und schließe die Tür.
Ein wenig verärgert setze ich mich wieder in den gemütlichen Sessel und taste gedankenverloren nach der Tasse Tee, die irgendwo auf meinem Beistelltischchen stehen muss. Enttäuscht ziehe ich die Hand zurück. Die Tasse ist schon kalt. Dabei war ich, vollkommen versunken in meine Lektüre, noch nicht einmal dazu gekommen, auch nur einen einzigen Schluck zu trinken.
Ding Dong. Diesmal bleibe ich sitzen. Ding Dong. Ding Dong. Es reicht doch wohl, wenn man sich einmal seinen Spaß mit mir erlaubt. Ding Dong.
Ich reiße die Tür auf. Der Kater sitzt immer noch auf den Stufen. „Hallo.“, sagt er. Ich blinzle ein wenig verwirrt und verloren.
„Hallo.“, sage ich dann.
„Darf ich reinkommen? Hier draußen ist es furchtbar kalt.“
Ich nicke. Der Kater huscht an mir vorbei in das Haus. Als ich wieder in mein Wohnzimmer komme, hat er es sich schon auf dem Teppich vor dem Kamin gemütlich gemacht.
„Schön hast dus hier.“, sagt er. Ich starre ihn an. „Eher einer von der schweigsamen Sorte, wie?“, er legt seinen Kopf schief und schaut mich prüfend an.
Eigentlich will ich ihm widersprechen.
„Ist das Pfefferminztee da in der Tasse?“, fragt der Kater weiter.
„Mach dir keine Hoffnungen.“, sage ich schließlich, als ich meine Worte wieder finde, „Der ist schon lange kalt.“
„Mag ich sowieso nicht.“, sagt der Kater.
Ich drehe mich langsam um und gehe in die Küche, um heißes Wasser für eine neue Tasse Tee aufsetzen. Oder gleich für eine ganze Kanne. Als ich zurückkomme, um meine Tasse zu holen, ist sie bis auf einen kleinen Rest leergetrunken. Der Kater liegt zusammengerollt und mit geschlossenen Augen vor dem Feuer und schnurrt genüsslich.