Verwaltungsentscheidungen

Ich drücke auf den kleinen runden Klingelknopf aus Plastik, neben dem das krakelig von Hand beschirebene Namensschild meiner Eltern angebracht ist. Jemand nähert sich von Innen der Tür. Der Schlüssel wird im Schloss gedreht, die Klinke heruntergedrückt und die Tür öffnet sich. Vor mir sitzt der Kater.
„Oh, ein Schneemann.“, sagt der.
Ich grummle, mache einen großen Schritt über ihn hinweg und klopfe den Schnee von meinem Mantel, bis man wieder erkennen kann, dass er eigentlich schwarz und nicht schneeweiß ist.
„Hey!“, beschwert sich der Kater, „Lass das!“, er schüttelt den Schnee aus seinem Fell.
Ich lasse den Mantel auf ihm Fallen. Ein dumpfer Schwall von Flüchen dringt zum Dank von unter der schwarzen Wolle an mein Ohr. Als sich der Kater aus dem Mantel gekämpft hat, habe ich schon meine Schuhe ausgezogen.
„Bist du irgendwie mies drauf“, fragt der Kater. So viel Empathie hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
„Nein, warum sollte ich.“, antworte ich, während ich in die Küche gehe, um mir eine Tasse Tee zu machen, „Ich bin heute morgen um sechs Uhr aufgestanden, als ich um halb acht schon längst auf dem Weg zur Schule war, wurde im Radio bekanntgegeben, dass die Schule ausfällt. Der schlechten Witterung wegen.“
„Ist doch toll.“, sagt der Kater.
Ich krame im Schrank nach den Teebeuteln. „Toll wäre es, wenn die Meldung nicht neun Minuten später wieder aufgehoben worden wäre.“
„Oh.“
„“Ja. Und so wie es aussieht, war unser Landkreis so ziemlich der Einzige, in dem die Schule nicht ausgefallen ist. Mehr noch, Grund-, Haupt- und Ralschule haben sich auf eigene Faust einen faulen Lenz gemacht. Nur wir mussten uns den ganzen Vormittag durch den Unterricht quälen.“
„Bestimmt, weil ihr Gymnasiasten euch besser durch die widrigen Witterungsbedingungen kämfen könnt, als all die anderen.“, sagt der Kater.
„Ja, ja. Pustekuchen. Das andere Gymnasium hat die Schüler auch wieder nach Hause geschickt. Sag mal, hast du die letzten Teebeutel gesehen?“
„Den letzten Teebeutel? Ähm, nein, eigentlich nicht.“
Ich setzte mich auf einen der Küchenstühle und seufze resigniert. „Heute hatten wir Unfälle auf den Straßen, Stau, Glatteis, den ganzen Tag hörst du schon Sirenen, ein paar Busse hatten über zwei Stunden Verspätung, andere sind ganz ausgefallen, in halb Deutschland herrscht Chaos. Es gibt sogar eine Luftbrücke nach Hiddensee. Und wir müssen zur Schule. Dabei ist die letzten Monat schon wegen geringerem ausgefallen. Und hier ist das Wetter unter keinen Umständen weniger schlimm, als in all den umliegenden Kreisen, die heute Schulfrei verkündet haben. Und jetzt sind wir so ziemlich der einzige Landkrei, in dem die Schule nicht ausfällt. Wahrscheinlich, weil wir letzten Monat der einzigen waren, in dem sie ausgefallen ist.“
„Ja, das ist schlimm.“, der Kater nickt eifrig.
„Du, was riecht denn hier so nach Pfefferminz?“, frage ich
„Nach Pfefferminz?“, fragt der Kater, „Das muss der Gestank des unkoordinierten, verantwortungslosen, popularistischen Landrats sein, der euch heute nicht freigeben wollten.“