Ich komme vollkommen verschlafen aus dem Bad. Es ist ein Freitag Morgen. Sechs Uhr in der Früh. Im Esszimmer setze ich mich an den Tisch und gieße Milch zu den Haferflocken in die Schüssel mit der lustigen Nase. Dann nehme ich den ersten Löffel.
„Du.“, sagt der Kater, während er am Saum meines Bademantels zieht.
„Mhm.“, ich blätter in der Zeitung, die vor mir auf dem Tisch liegt und tauche den Löffel wieder in die Schüssel.
„Du!“, sagt der Kater. Diesmal ein wenig lauter und energischer als davor.
„Hmm?“, mache ich, während ich den Löffel wieder in Richtung Mund führe.
„Duhu!“, der Kater kratzt mich am Bein, Milch und Haferflocken von meinem Löffel landen auf dem Bademantel.
„Lass das.“, sage ich, „Das kannst du doch um die Uhrzeit nicht mit mir machen. Ist ja entwürdigend.“
„Pah!“, ruft der Kater, „Immer beruft ihr euch auf eure Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wie das schon klingt. Immer das gleiche Todschlagsargument.“, der Kater macht ein beleidigtes Gesicht.
„Na, wenn es doch so ist.“
„Was ist so?“, fragt der Kater, „Dass du den Begriff der Menschenwürde beliebig so zu deinen Gunsten drehen und wenden kannst, bis er dir passt und dass er, allein schon durch seinen erhabenen Klang, alle anderen mundtot macht.“
„Na ja.“, dass ist nicht unbedingt der gekonnteste Konter. Aber es ist sechs Uhr morgens. Und ich habe Haferflocken im Schoß. Außerdem hab ich gleich eine Doppelstunde Deutsch. Da kann ich mir eine Diskussion über die Begrifflichkeit der Menschenwürde während des Frühstücks wirklich sparen.
„Das Wort ist doch zu einer bloßen Hülle verkommen.“, mosert der Kater weiter, „Was ist schon Würde? Würde ist ein Konjunktiv. Hat Wolfgang Wickler schon gesagt.“
„Klugscheißer. Ich hab den Artikel auch gelesen.“
„Ist doch so. Nur, weil eine Handvoll Leute euch für das Ebenbild Gottes hällt.“
„Etwas über zwei Milliarden.“
„Und dann die, die eure ach so tolle und einzigartige Vernunftnatur in die Höhe halten. Ihr seid ja die Krone der Schöpfung. An uns Kater hat da mal wieder keiner gedacht.“
„Ach, komm schon.“, sage ich und stoße ihn mit dem Fuß fort, „Schau dir an, was du mit meinem Bein gemacht hast.“, blutige Striemen ziehen sich über meine rechte Wade, „Du böser Kater.“, ich versetze ihm einen leichten Tritt in die Seite.
„Hey!“, ruft der, „Lass das! Die Würde der Kater ist unantastbar!“
Würde
Betriebssysteme
„Was machst du denn da?“, will der Kater wissen.
„Ich lese mich durch irgendwelche Kommentare von Apple-Fanboys, Windows-Kiddies und Linux-Weltverbesserern, die sich alle darüber streiten, wer denn nun das bessere Betriebssystem hat und sich sofort persönlich angegriffen fühlen, wenn irgendwer mal was an ihrer Software kritisiert.“, sage ich.
„Aha.“, sagt der Kater, „Interessant. Du, wo wir gerade dabei sind, ich hab mich neulich mal ein bisschen durch deine Mac-Zeitschriften gewühlt. Alles vollkommen verblendeter Schwachsinn.“
„Findest du?“, frage ich.
„Die Artikel sind hinten und vorne geschönt. Und so was spannendes wie den Hauptartikel, der sich mit der unglaublich aufregenden Zusammenarbeit von Kalender und Adressbuch beschäftigt, hab ich schon lange nicht mehr gelesen.“, der Kater verdreht die Augen, „Man kommt sich vor, wie bei einer PC-Einsteiger-Zeitschrift für absolute Vollidioten.“
„Hmm.“
„Von dem Vergleich zwischen Windows 7 und Mac OS X fang ich am Besten gar nicht erst an. Drei Mal darfst du raten, welches Betriebssystem gewinnt.“
Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. Für einen Moment selbst verwundert, dass ich das überhaupt kann.
„Die Voreingenommenheit lässt sich sogar schon aus den Bildunterschriften herauslesen! Aus den Bildunterschriften!“, schimpft der Kater weiter, „Und die beklagen sich doch allen Ernstes, dass sie bei Windows 7 weniger Software mitgeliefert bekommen als bei OS X. Kannst du dir das vorstellen? Kein Wort davon, dass es für Apple sowieso nur einen Bruchteil der Software gibt, die für Windows auf dem Markt ist. Nicht eine Silbe über die Nachteile, Fehler und Mängel. Alles ist nur positiv, positiv, positiv und ja auch so toll und revolutionär und innovativ. Da kann ich mir genauso gut ne Show von und mit Steve Jobs anschauen. Die ist am Ende wahrscheinlich sogar noch unterhaltsamer.“
Der Kater zieht aus einem der unteren Regalfächer eine alte Ausgabe eines der Magazine, legt es vor sich auf den Boden und schaut einen Moment lang auf das Hochglanzcover.
„Du hast über sieben Euro für diesen Schund ausgegeben.“, flucht er dann wieder los, „Und das ganze Regalfach ist voll damit.“
„Ich war jung und hatte das Geld.“
„Ah ja.“
„Und eigentlich hatte ich ne Menge gute Erfahrungen mit Computermagazinen gemacht, die sich mit Windows und Linux befasst haben. Spannende Artikel, Tipps, Tricks, nützliche Programme auf der Heft-CD. Ich hatte eben die Hoffnung, dass die Mac-Zeitschriften mir das gleiche bieten könnten.“
„Da kam die Einsicht wohl ein wenig spät. Das hast du jetzt davon.“, der Kater steckt die Zeitschrift unsanft wieder zwischen die anderen ins Regal. Man hört das knicken von Papier. So ganz will die Zeitschrift nicht mehr da hineinpassen, wo der Kater sie her hat. Er nimmt beide Pfoten zur Hilfe und drückt mit aller Kraft, bis der Zeitschriftenrücken wieder auf einer Höhe mit den anderen ist.
„Und ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viel du für das MacBook da auf deinem Schreibtisch ausgegeben hast.“, der Kater schüttelt den Kopf, „Das du dir überhaupt so nen Schrott zugelegt hast.“
„Immerhin funktioniert er.“
„Ja, ja, das hat man ja an deiner Festplatte gesehen. Als ob ein Windows-Rechner allen Ernstes schlechter laufen würde. Und wenn doch, lohnt es sich dann wirklich, sich dafür von Apple abhängig zu machen?“
„Lass mich doch. Ich mag das Betriebsystem, mag die Optik, die Bedienung und ich fühl mich sicher. Vielleicht ist es manchmal auch einfach komfortaben, sich ein wenig bevormunden zu lassen. Hat doch schon Kant gesagt. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt.“
„Und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“, ergänzt der Kater, „Warum benutzt du kein Linux und führst dich endlich aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit?“
„Hmm.“
„Entscheidet euch für Linux!“, ruft der Kater lauthals.
„Warum schreist du so?“, frage ich, „Und warum sprichst du im Plural?“
„Damit sich deine Leser angesprochen fühlen.“
„Oh.“, sage ich.
„Du, sag mal, kannst du mir vielleicht noch mal kurz helfen, die Treiber für meine neue Hardware zu installieren?“, fragt der Kater, „Nur ganz kurz, bevor du wieder an deiner Kolumne schreibst.“
„Wärst du doch bloß bei Windows geblieben.“, sage ich und folge dem Kater ins Wohnzimmer, wo sein Laptop steht.
Soziale Netzwerke
„Ich soll dich von Xenia grüßen.“, sage ich.
„Von wem?“, fragt der Kater.
„Von Xenia. Ich war früher mal mit ihr in einer Klasse.“, sage ich.
„Aha. Und woher kenne ich Xenia?“
„Wahrscheinlich gar nicht.“
„Und woher kennt Xenia mich?“
„Internet.“
„Internet?“, der Kater schnaubt verächtlich, „Du meinst diesen aus den Fingern gesogenen Mist, den du da über mich schreibst und den dir hoffentlich keiner, aber auch wirklich keiner abnimmt!“
„Was weiß ich. Vielleicht hat sie dich auch einfach nur bei Facebook oder StudiVZ gefunden und findet dich süß. Irgendwie muss man doch den ersten Schritt wagen.“
„Süß? Ich bin doch nicht süß, verdammt noch mal. Und sie kennt mich doch gar nicht. Wie kann sie mich da bitteschön süß finden?“
„Na ja.“, sage ich, „Sie könnte immerhin deine Lieblingsbücher und deine Vorliebe für klassische Musik kennen, könnte wissen, dass du ein Faible für Filme von Stanley Cubric hast, gerne ins Theater gehst und bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf für, na ja, du weißt schon für wen gemacht hast. Von deinen Hobbys ganz abgesehen. Und sie könnte natürlich wissen, dass du single bist.“
Der Kater schweigt einen Augenblick.
„Oh, und ich glaube, sie könnte die Bilder von neulich Abend gesehen haben, als du mit mir und den Jungs in der Kneipe warst.“, füge ich hinzu.
„Hättest du mich da bloß nicht drauf verlinkt.“, murrt der Kater.
„Ach, so schlimm sahst du doch gar nicht aus. Du hattest ja noch nicht mal was getrunken. Die Bilder würden selbst die prüdeste Personalabteilung nicht abschrecken.“
„Ich hätte mich niemals bei dem Mist anmelden sollen.“, seufzt der Kater.
„Hast du neuerdings was dagegen, wenn dir junge Damen ihr Interesse bekunden?“
„Ach, von diesem Social-Network-Kram hat doch keiner was. Und es ist doch komisch, von wildfremden Leuten gegrüßt zu werden, von den man sein Leben lang noch nichts gehört hat. In meinem Fall sogar schon fünf Leben lang.
„Ach, komm schon, du siehst das doch nur so mürrisch, weil du bei Facebook weniger Freunde hast als ich.“, sage ich.
„Dafür hab ich aber mehr Pinnwandeinträge!“, schnaubt der Kater triumphierend, springt vom Schreibtisch und mach sich in Richtung Küche davon.
Vampirgeschichten
„Du sagst aber was.“, sagt der Kater.
„Lass mich doch wenigstens ausreden.“
„Warum?“, fragt der Kater, „Du willst doch gar nichts sagen.“
„Will ich wohl!“, sage ich.
„Dann sag doch“, sagt der Kater.
„Hast du mal in den Bücherkatalog hier geguckt?“, frage ich ihn.
„Nein.“, antwortet er, „Warum denn?“
„Zur Zeit sprießen diese Vampirgeschichten wie Unkraut aus dem Boden. Das ist wirklich kaum zu glauben. Nur weil eine Autorin Erfolg damit hatte, machen es auf einmal alle nach. Dämliche Kommerzliteratur.“
„Du machst es schon wieder.“, sagt der Kater.
„Was denn?“, frage ich und sehe ihn leicht verwundert an.
Du schimpfst beim Thema Gegenwartsliteratur auf die kommerz-orientierten Bücher.
„Oh.“, sage ich, „Stimmt.“
„Scheinbar habe ich doch einen halbwegs guten Einfluss auf dich.“, der Kater schaut selbstzufrieden aus dem Fenster.
„In deinen Träumen vielleicht.“, sage ich, „Aber jetzt hör dir das mal an: Die Serie mit Biss: Im Zwielicht. In der High-School verliebt sich die 16-jährige Roswitha in den äußerst attraktiven Dirk. Was sie nicht weiß: Er ist ein Vampir und stammt aus dem Berlin der dreißiger Jahre.“, zitiere ich eine Zusammenfassung aus dem Büchkatalog. Auf vier Doppelseiten in trendigem und düsterem Vampir-Look finden sich hier etwas mehr als 20 Bücher oder Buchreihen, die von jungen Mädchen handeln, die entweder entdecken, dass sie ein Vampir sind oder die sich in einen verlieben.
„Woran erinnert dich das?“, frage ich den Kater.
„Da war doch so ein Kinofilm. Der, in den die ganzen Teenie-Mädchen gerannt sind, oder?“
„Genau der. Basierend auf besagter erfolgreicher Buchvorlage, die für diese ganze Manie verantwortlich ist. Die, in der ganz zufällig auch die Begriffe Biss und Zwielicht auftauchen. Und High-School-Mädchen. Und Vampir. Ganz zufällig.“
„Ach, lass doch die ganzen Trittbrettfahrer. Die besten Geschichten schreibt eben das wahre Leben selbst.“
„Die besten Geschichten? Das wahre Leben? Mit Vampiren? Als Mehrteiler?“, ich mustere den Kater. Erst ungläubig, dann erstaunt. Sind das da kleine spitze Vampirzähne, von denen Blut tropft?
„Du Idiot.“, sagt der Kater, der meinen leicht erschrockenen Blick offensichtlich richtig gedeutet hat und dreht sich wieder zu seinem Kirschwein um.
„Immer diese leichtgläubigen Menschen.“, sagt er, „Heutzutage weiß doch jeder, dass Vampir-Kater im Sonnenlicht glitzern.“
Kartensalat
Der Kater und ich stehen im Supermarkt an der Kasse. Die freundliche Kassiererin zieht unsere Tiefkühlpizzen, das Eis, die Pommes, die Cola, das Baguette und den Lachs über den Scanner.
„Das macht dann bitte 14 Euro und 29 Cent.“, sagt sie.
„Kann ich mit Karte zahlen?“, frage ich.
„Selbstverständlich.“, sagt sie.
Ich hole mein Portmonee aus der Innentasche meines Mantels und klappe es auf. Eigentlich steckt die Karte gleich ganz oben, direkt unter dem Führerschein, der ja mittlerweile das gleiche Format besitz, und zukünftig wohl dem Personalausweis, dem ja ein ähnlich herabwürdigendes Schicksal droht. Führerschein und Ausweis hin oder her, an zweiter Stelle kommt die Karte der örtlichen Stadtbibliothek zum Vorschein. Nichts mit Electronic Cash. Ich suche weiter. Darunter ist die Karte einer anderen Stadtbibliothek, die ich hin und wieder besuche, darunter die VIP-Karte von Subway, die Karte meines DVD-Verleihs, die BahnCard, eine MasterCard, eines dieser schönen Kartenbeispiele, die immer in den Fächern stecken, wenn man das Portmonee neu Kauft, darunter die Karte meiner Krankenversicherung, mein alter Schülerausweiß, auch im Scheckkartenformat, die Clubkarte eines Verein, den ich lieber vergessen möchte, eine Kundenkarte, und noch eine andere, eine mit Bonuspunkten, weiß Gott, warum ich da mitgemacht habe, zwei private und eine Gewerbliche Visitenkarte, ein Taschenkalender im gleichen Format und eine Lupe, die ich nie, aber auch wirklich noch nie gebraucht habe.
„Sag mal“, frage ich den Kater, „hast du mein Bankkarte gesehen?“
Der Kater streckt mir eine kleine blaue Karte entgegen, „Meinst du die hier?“, fragt er mit unschuldiger Miene, „Ich hab gedacht, du würdest sie bei all den anderen Karten gar nicht vermissen.“
„Was hast du damit gemacht?“, frage ich. Ein ungutes Gefühl üefällt mich.
„Erinnerst du dich an den Sonntag Morgen, den du komplett verschlafen hast? Den vor zwei Wochen?“, frag der Kater.
„Es geht.“
„Während du geschlafen hast, war mir langweilig.“
„Das heißt?“
„Na ja, da hab ich eben ein wenig ferngesehen.“
„Und?“
„Teleshopping.“
„Du hast was?!“, der ganze Kassenbereich ist allarmiert.
„Ich habe mir ein goldenes Futternäpfchen gekauft.“
„Du hast was?!“, diesmal ist der ganze Supermarkt allarmiert, mindestens bis zur Fleischtheke am anderen Ende.
„Reg dich nicht so auf, er war gar nicht aus Gold. Alles nur Betrug.“
„Ach wirklich?“, sage ich. Vielleicht lockert ein wenig Sarkasmus die Stimmung auf.
„Der Napf war bloß aus Messing.“, der Kater macht ein trauriges Gesicht.
„Und wie viel hast du dafür bezahlt?“
„Oh, nur 125 Euro und 95 Cent. Ein echtes Schnäppchen. Und es waren nur noch sieben Stück auf Lager.“
Ich drehe mich zur Kassiererin und reiche ihr die Karte. Dann wende ich mich langsam, ganz langsam wieder dem Kater zu.
„Du gibst den Napf zurück!“
„Das kann ich nicht.“
„Warum das denn?“
„Ich hab die Rechnung verloren.“
„Du hast was?!“, diesmal ist auch der Parkplatz und das Lager allarmiert.
„Entschuldigen Sie“, sagt die Kassiererin in einem freundlich Tonfall, „Ihre Karte wird nicht angenommen.“
„Meine Karte wird was?!“
„Nicht angenomen“, sagt sie. Was für ein bedeutungsschwangerer Teilsatz. Ich reiße ihr das Stück Plastik aus der Hand und stürme aus dem Supermarkt. An der Ausgangstür holt mich der Kater ein.
„Du.“, sagt er.
„Was denn noch?“, frage ich.
„Was wird denn jetzt eigentlich aus dem Lachs?“
Bei Rot gehen, bei Grün stehen
„Drück mal.“, sagt der Kater.
Ich drücke. Der Knopf mit dem stilisierten kleinen Männchen beginnt lustig zu blinken.
„Das war aber schon gelb.“, sagt der Kater, als ein grüner Kombi im letzten Moment noch den Fußgängerüberweg passiert. Einen Augenblick später huscht er über die Straße.
„Das war jetzt aber noch rot.“, sage ich, warte, bis die Ampel tatsächlich auf Grün wechselt und folge dem Kater.
„Rot oder Grün,“, sagt der, „was macht das schon? Wer hat sich das denn überhaupt ausgedacht? Bei Rot stehen, bei Grün gehen.“, der Kater schüttelt den Kopf, „Den möcht ich gern mal treffen. Dann geht der bald überhaupt nicht mehr.“
Pointen
„Ich hab mich im Internet mal ein wenig schlau gemacht, wie man gute Pointen schreiben kann.“, sage ich.
„Und?“, will der Kater wissen.
„Da steht, man soll etwas vollkommen unerwartetes geschehen lassen.“, sage ich.
„Aha.“, sagt der Kater, dreht sich vollkommen unerwartet um und geht.
Literaturschund
Der Kater kommt mit einer großen, hellblauen Plastiktüte durch die Tür, die er mühevoll hinter sich herzieht. Offensichtlich war er bei einer Filiale einer großen, überregionalen Buchhandelskette.
„Was hast du denn da verbrochen?“, frage ich ihn.
„Gar nichts, ich war nur beim Buchhändler.“, antwortet er.
„Beim Buchhändler? Sieht für mich mehr nach moderner, umsatzorientierter, unpersönlicher Kundenabfertigung im großen Stiel aus. Von der unvertretbaren Expansionspolitik einmal abgesehen.“
Der Kater geht geflissentlich über meinen Kommentar hinweg.
„Was hast du dir denn gekauft?“, frage ich weiter, „Wieder was von Nietzsche oder Schopenhauer?“
„So einen dicken Wälzer, über Orks, Trolle und andere böse Monster.“
„Fantasy.“, stelle ich erstaunt fest, „Wie heißts denn?“
„Die Feen.“
„Von Wagner?“
„Nein, von irgendeinem Jungspund von Schreiber. Ich hab die Verkäuferin gefragt, was sie mir denn in dem Bereich empfehlen könne. Ich wollte mal was Neues ausprobieren.“
„Oha.“
„Und die Fortsetzung habe ich mir auch gleich gekauft. Der Kampf der Feen.“
„Was für ein geistreicher Titel. Erst kamen Die Orks, dann Die Trolle, Die Zwerge, Die Elfen, Die Kobolde, Die Drachen, jetzt Die Feen. Wo soll das denn noch hinführen?“, frage ich, „Das ist doch alles bloß einfallsloser Kommerz.“
„Seit wann schimpfst du denn auf Kommerz?“, will der Kater wissen.
„Oh, tschuldige. Ich glaube, du färbst ein wenig ab.“
„Das kann ja nur gut für dich sein.“
„Ansichtssache.“, murmle ich.
„Was sagst du?“
„Ach, nichts.“
„Was hast du denn jetzt gegen das Buch?“
„Nichts. Das ist nur mindestens genauso schlimm, wie dieser neue Pocahontas-In-Space-Verschnitt, der zur Zeit im Kino läuft und vollkommen zu Unrecht als bester Film aller Zeiten gefeiert wird. Das ist keine Kunst, das ist einfach nur effekthascherisches Blendwerk. Weiter nichts. Mit den Büchern ist es doch der gleiche Mist. Viel Tamtam und nichts dahinter. Ich frage mich bis heute, wie man so viel Nichts auf so viele Seite bannen kann, dass dabei jedes Mal ein Todschläger von einem Wälzer rauskommt. Und wenn er dich nicht mit der Seitenzahl todschlägt, dann mit der Langeweile.", ich mache eine bedeutungsschwangere Pause, „Zeig mal her das Buch.“, sage ich dann.
Der Kater greift in die Tasche, zieht eines der beiden Bücher heraus und reicht es mir. Ich lese laut von der Rückseite vor:
Nach den sensationellen Bestsellern Die Orks und Die Elfen jetzt Die Feen!
Sie denken wirklich, Sie kennen alle Völker der Fantasy? Sie sind mit den Zwergen durch dunkle Stollen gehuscht, haben mit den Orks grauenvolle Schlachten geschlagen und mit den Elfen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Fantasy, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn eine dunkle Bedrohung zieht über das Land hinauf und allein die Feen sind dazu bestimmt, ihr entgegenzutreten.
Der Fantasy-Roman des Jahrzehnts!“
„Was soll denn dieser satirische Unterton?“ fragt der Kater
„Ach nichts.“, sage ich.
„Jetzt hab dich mal nicht so. Du hast doch selbst das halbe Regal voll mit solchem Kram. Von deiner Kolumne mal ganz abgesehen. Du bist doch nur neidisch, dass du es selbst noch nicht geschafft hast, irgendwas zu publizieren.“
„Stimmt doch gar nicht.“, sage ich.
„ Nach den sensationellen Bestsellern Der Hund und Der Hamster jetzt Der Kater!“, äfft der Kater nach, „Sie denken wirklich, sie kennen alle Haustiere? Sie sind mit den Hunden morgens um halb sechs Gassi gegangen, haben ihren Hamster tief in der Nacht in seinem Laufrad gehört und mit den Goldfischen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Haustierwelt, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn ein dilletantischer Schriftsteller wirft ein vollkommen falsches Licht auf sie! Und allein die Kater sind dazu bestimmt, ihm entgegenzutreten.
Der Haustier-Roman des Jahrhunderts!“
Valentinstag
„Valentinstag. Der Tag der Liebenden.“, sagt der Kater, kurz bevor er einen großen Bissen von seinem Lachsbaguette nimmt. In seiner Stimme schwingt ein wenig verächtlicher Spott mit, „Nicht, dass ich den Liebenden die Liebe missgönnen würde“, sagt er mit vollem Mund, „aber was hat sie euch Menschen denn jemals gebracht?“
Ich überlege einen kurzen Augenblick. „Viele Glückliche“, setze ich dann an. Aber der Kater fällt mir ins Wort.
„Portmonees.“, sagt er.
„Viele glückliche Portmonees?“, frage ich.
„Ja, und zwar eine ganze Menge. Von einem großen Haufen Blumenhändler.“
„Was haben denn die Blumenhändler jetzt damit zu tun?“
„Na, das ist doch sternenklar.“, sagt der Kater, „Die Blumenhändler haben den Valentinstag erfunden, um ihre Umsätze ein wenig zu steigern. Deswegen liegt er auch im Frühjahr, da sind die meisten Menschen verliebt. Also kaufen noch mehr Leute Rosen, Efeu und anderes Gestrüpp. Und zwar beim Blumenhändler ihres geringsten Misstrauens. Für ein Heidengled, anstatt sich einfach selbst welche zu pflücken. Da sind die Menschen heutzutage nämlich auch zu faul zu. Wir leben in einer konsumgeilen und faulen Gesellschaft. Und weil die schlauen Blumenhändler das erkannt haben, kannst du den Strauß für deine Liebste jetzt auch schon übers Telefon oder übers Internet verschicken. Grußkarte mit Wunschtext inklusive.“
„Jetzt übertreibst du aber ein bisschen. Das klingt ja schon fast so, als würden die Blumenhändler die Weltmacht anstreben.“, bei dem Gedankne an einen Weltdiktator vor einem wunderschönen, von ihm selbst gemachten Strauß am Rednerpult und einer Schnittblume im Rever muss ich schmunzeln.
„Du machst dich schon wieder über mich lustig!“, beschwert sich der Kater.
„Mache ich gar nicht.“
„Machst du wohl! Nur, weil du so unmündig bist, wie der ganze Rest unserer Gesellschaft, und es vorziehst, in deiner bequemen Lebenslüge zu leben, anstatt dich endlich davon zu befreien und die Wahrheit zu erkennen.“
„Die Wahrheit, dass die bösen, bösen Blumenhändlerinnen und Blumenhändler langsam aber sicher die Weltherrschaft an sich reißen werden und schon jetzt dabei sind, uns an ihrem eigenen Feiertag, den aber niemand von uns als solchen erkennt, das Geld aus der Tasche zu ziehen?“
„Ja.“, der Kater klingt todernst.
Ich muss lachen. Es klingelt an der Tür.
„Oh, das ist meine Freundin.“, sage ich und stehe auf.
„Hast du daran gedacht, ihr ein Geschenk zu besorgen? Als verblendetes Opfer der Blumenhändler erwartet sie sicher irgendetwas.“
Ich stutze. Nein, ich habe nichts besorgt. Bevor der Kater mit dem Thema angefangen hat, habe ich auch gar nicht daran gedacht, das heute Valentinstag ist.
„Ich kann dir die hier für zwei Euro überlassen“, sagt er und zieht eine Rose hinter seinem Rücken hervor.
Verwaltungsentscheidungen
Ich drücke auf den kleinen runden Klingelknopf aus Plastik, neben dem das krakelig von Hand beschirebene Namensschild meiner Eltern angebracht ist. Jemand nähert sich von Innen der Tür. Der Schlüssel wird im Schloss gedreht, die Klinke heruntergedrückt und die Tür öffnet sich. Vor mir sitzt der Kater.
„Oh, ein Schneemann.“, sagt der.
Ich grummle, mache einen großen Schritt über ihn hinweg und klopfe den Schnee von meinem Mantel, bis man wieder erkennen kann, dass er eigentlich schwarz und nicht schneeweiß ist.
„Hey!“, beschwert sich der Kater, „Lass das!“, er schüttelt den Schnee aus seinem Fell.
Ich lasse den Mantel auf ihm Fallen. Ein dumpfer Schwall von Flüchen dringt zum Dank von unter der schwarzen Wolle an mein Ohr. Als sich der Kater aus dem Mantel gekämpft hat, habe ich schon meine Schuhe ausgezogen.
„Bist du irgendwie mies drauf“, fragt der Kater. So viel Empathie hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
„Nein, warum sollte ich.“, antworte ich, während ich in die Küche gehe, um mir eine Tasse Tee zu machen, „Ich bin heute morgen um sechs Uhr aufgestanden, als ich um halb acht schon längst auf dem Weg zur Schule war, wurde im Radio bekanntgegeben, dass die Schule ausfällt. Der schlechten Witterung wegen.“
„Ist doch toll.“, sagt der Kater.
Ich krame im Schrank nach den Teebeuteln. „Toll wäre es, wenn die Meldung nicht neun Minuten später wieder aufgehoben worden wäre.“
„Oh.“
„“Ja. Und so wie es aussieht, war unser Landkreis so ziemlich der Einzige, in dem die Schule nicht ausgefallen ist. Mehr noch, Grund-, Haupt- und Ralschule haben sich auf eigene Faust einen faulen Lenz gemacht. Nur wir mussten uns den ganzen Vormittag durch den Unterricht quälen.“
„Bestimmt, weil ihr Gymnasiasten euch besser durch die widrigen Witterungsbedingungen kämfen könnt, als all die anderen.“, sagt der Kater.
„Ja, ja. Pustekuchen. Das andere Gymnasium hat die Schüler auch wieder nach Hause geschickt. Sag mal, hast du die letzten Teebeutel gesehen?“
„Den letzten Teebeutel? Ähm, nein, eigentlich nicht.“
Ich setzte mich auf einen der Küchenstühle und seufze resigniert. „Heute hatten wir Unfälle auf den Straßen, Stau, Glatteis, den ganzen Tag hörst du schon Sirenen, ein paar Busse hatten über zwei Stunden Verspätung, andere sind ganz ausgefallen, in halb Deutschland herrscht Chaos. Es gibt sogar eine Luftbrücke nach Hiddensee. Und wir müssen zur Schule. Dabei ist die letzten Monat schon wegen geringerem ausgefallen. Und hier ist das Wetter unter keinen Umständen weniger schlimm, als in all den umliegenden Kreisen, die heute Schulfrei verkündet haben. Und jetzt sind wir so ziemlich der einzige Landkrei, in dem die Schule nicht ausfällt. Wahrscheinlich, weil wir letzten Monat der einzigen waren, in dem sie ausgefallen ist.“
„Ja, das ist schlimm.“, der Kater nickt eifrig.
„Du, was riecht denn hier so nach Pfefferminz?“, frage ich
„Nach Pfefferminz?“, fragt der Kater, „Das muss der Gestank des unkoordinierten, verantwortungslosen, popularistischen Landrats sein, der euch heute nicht freigeben wollten.“