Sterne

Nachdem man uns um fünf Uhr in der Früh aus der Kneipe geschmissen hat, gehen der Kater und ich durch die verschlafenen Straßen der Stadt spazieren. In der Ferne zeichnet sich blass das Rot der aufgehenden Sonne am Horizont ab.
„All die Sterne“, lallt der Kater, „Sie verschwinden.“
„Keine Sorge.“, sage ich zu ihm, während ich mit Mühe versuche, einen Fuß vor den anderen zu setzen, „Morgen sind sie wieder da.“
„Einen ganzen Tag ohne Sterne.“, der Kater lasst träurig den Kopf hängen, dann lässt er sich, an einen Zaunpfahl gelehnt, zu Boden sinken. Mit großen runden Augen schaut er nach oben in den Himmel. „Wir sind so klein.“
„Du meinst, du bist so klein. Ich bin fast eins-sechzig.“, er reagiert nicht, „Oh.“, sage ich dann, „So meinst du das.“
„Warum sind wir eigntlich hier?“
„Warum versetzt Alkohol dich eigentlich immer in diese furchtbar philosophische Stimmung?“
Der Kater wirft mir einen verständnislosen Blick zu.
„Weißt du“, sage ich nachdenklich zu ihm, „Vielleicht sind wir hier, weil es sonst niemanden gäbe, der sich fragen würde, wo die Sterne den ganzen Tag über bleiben.“

Lügenkater

Es ist sieben Uhr morgens, als ich auf der Suche nach dem letzten Stück Kuchen und einem schön heißen Kaffe vollkommen verschlafen in die Küche komme. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine, friemel einen Filter rein, kippe wahllos gemahlenen Kaffee hinterher, fülle den Tank mit Wasser und drücke auf den kleinen runden Knopf.
Dann drehe ich mich zum Kuchen. Auf der Platte, auf der eigentlich das letzte Stück liegen sollte, sitzt der Kater inmitten von Kuchenkrümeln. Ich seufze.
„Du hast nicht zufällig gerade das letzte Stück Kuchen gefuttert?“, frage ich. In meiner Stimme schwingt vergleichsweise wenig bis gar keine Hoffnung mit.
„Nein. Warum?“, fragt der Kater. Die Unschuldsmiene in seinem Gesicht wirkt nicht mehr wirklich überzeugend, nach den sechs Monaten, die ich mich schon mit ihm rumschlage.
„Ach“, sage ich, „War nur so eine Idee. Weißt du, eigentlich sollte da, wo du jetzt gerade sitzt ein wunderbares Stück Marmorkuchen auf mich warten.“
„Hmm.“, der Kater setzt eine Nachdenkliches Gesicht auf, „Tut mir Leid, ich kann dir in dem Fall leider wirklich nicht weiterhelfen.“
„Hat man dir eigentlich beigebracht, dass du nicht lügen sollst?“
„Nein. Warum?“
„Das gehört sich nicht. Außerdem grenzt es an Dummheit, wenn du sogar dann versuchst, damit durchzukommen, wenn vollkommen klar ist, dass nur du den Kuchen gegessen haben kannst. Außerdem weißt du doch, wie wichtig mit ein ehrliches und offenes Verhältnis ist“
„Vielleicht bist du ein Schlafwandler und hast ihn im Schlaf verdrückt?“, er macht eine gewichtige Pause, um seine geniale, vollkommen plausible These zu untermauern, „Außerdem“, fährt er fort, „Ist Lügen äußerst bedeutend in und für unsere heutige Gesellschaft und das soziale Miteinander.“
„Ach.“
„Stell dir vor, du wüsstest, dass ich heimlich die Platte von Sade verkauft habe, die du schon so lange suchst, dass ich es war, der ausversehen das Wasserglas über deine Kunstmappe gekippt hat, der diese peinliche Kontaktanzeige für dich geschaltet und der die Rechnung, die erste und die zweite Mahnung von deiner letzten Bestellung verschlampt hat. Nachdem ich sie vorbildlicherweise reingebracht hatte. Oh, und stell dir vor, du wüsstest, dass ich dir das letzte Stück Kuchen heute vor der Nase weggefuttert habe. Da wärst du bestimmt tierisch sauer auf mich. Du würdest mich durch die halbe Wohnung jagen, mich vor die Tür setzen, mich nie wieder reinlassen. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn ich dir verraten, wo die verschwundene Hälfte von deinem Taschengeld steckt. Na ja, aber so geht’s uns doch super. Du weißt nichts davon, ich habe keine moralischen Gewissensbisse und wir können in friedlicher Koexistenz zusammen unter einem Dach leben. Toll, oder?“, der Kater schaut mit einem durchweg zufrieden Gesichtsausdruck zu mir hoch. Mit der rechten Hand taste ich hinter meinem Rücken nach dem Deckel der Kuchenplatte.

Notenvergabe

Ich knalle mein Deutschheft auf den Tisch. Der Kater zuckt erschrocken zusammen.
„Was soll das denn?“, fragt er und beißt wieder von seinem Lachs-Baguette ab.
„Frau Moritz.“, sage ich.
„Frau Moritz?“, fragt der Kater.
„Frau Moritz.“, sage ich, „Meine Deutschlehrerin.“
„Aha.“
„Heute haben wir von ihr die Klausur zurückbekommen.“
„Und?“
„Geht. Neun Punkte. Nicht das Beste, aber ich bin zufrieden.“
„Warum dann dieser unglaublich unzufriedene Gesichtsausdruck?“
„Die Frau hats einfach nicht drauf. Darum der Gesichtsausdruck. Zwei aus meinem Kurs hatten im Schnitt 7,5. Der eine hat 7, der andere 8 bekommen.“
„Noten werden pädagogisch gegeben, und nicht errechnet.“, sagt der Kater, während er auf dem Baguette kaut.
„Ja, ja, ich weiß. Das haben wir uns auch schon anhören müssen.“, sage ich, „Aber wenn die erste Teilaufgabe mit 40 Prozent und die zweite mit 60 Prozent gewichtet wird, man in beiden 6 Punkte hat und in der Endnote trotzdem nur fünf bekommt, kann doch nur irgendwas nicht stimmen.“
Der Kater schluckt seinen übergroßen Bissen runter.
„Als sich Heike dann bei ihr beschwert hat, hat sie das ganze noch mal mit nem Taschenrechner nachgerechnet. Nachgerechnet!“, ich bin außer mir, „Und letztes Mal hat sie Erich 14 Punkte gegeben, obwohl er in den Teilaufgaben 13, 11 und 12 hatte.“
„Na ja, sie ist wohl nicht ohne Grund Deutschlehrerin geworden. Da braucht man keine Mathematischen kometenzen.“
„Soziale, pädagogische oder andere fachliche Kompetenzen scheinbar auch nicht.“
„Hmm“, macht der Kater, „Wie war das, du weißt immer noch nicht, was du nach der Schule machen möchtest?“