Vampirgeschichten

„Ich will ja nichts sagen.“, sage ich.
„Du sagst aber was.“, sagt der Kater.
„Lass mich doch wenigstens ausreden.“
„Warum?“, fragt der Kater, „Du willst doch gar nichts sagen.“
„Will ich wohl!“, sage ich.
„Dann sag doch“, sagt der Kater.
„Hast du mal in den Bücherkatalog hier geguckt?“, frage ich ihn.
„Nein.“, antwortet er, „Warum denn?“
„Zur Zeit sprießen diese Vampirgeschichten wie Unkraut aus dem Boden. Das ist wirklich kaum zu glauben. Nur weil eine Autorin Erfolg damit hatte, machen es auf einmal alle nach. Dämliche Kommerzliteratur.“
„Du machst es schon wieder.“, sagt der Kater.
„Was denn?“, frage ich und sehe ihn leicht verwundert an.
Du schimpfst beim Thema Gegenwartsliteratur auf die kommerz-orientierten Bücher.
„Oh.“, sage ich, „Stimmt.“
„Scheinbar habe ich doch einen halbwegs guten Einfluss auf dich.“, der Kater schaut selbstzufrieden aus dem Fenster.
„In deinen Träumen vielleicht.“, sage ich, „Aber jetzt hör dir das mal an: Die Serie mit Biss: Im Zwielicht. In der High-School verliebt sich die 16-jährige Roswitha in den äußerst attraktiven Dirk. Was sie nicht weiß: Er ist ein Vampir und stammt aus dem Berlin der dreißiger Jahre.“, zitiere ich eine Zusammenfassung aus dem Büchkatalog. Auf vier Doppelseiten in trendigem und düsterem Vampir-Look finden sich hier etwas mehr als 20 Bücher oder Buchreihen, die von jungen Mädchen handeln, die entweder entdecken, dass sie ein Vampir sind oder die sich in einen verlieben.
„Woran erinnert dich das?“, frage ich den Kater.
„Da war doch so ein Kinofilm. Der, in den die ganzen Teenie-Mädchen gerannt sind, oder?“
„Genau der. Basierend auf besagter erfolgreicher Buchvorlage, die für diese ganze Manie verantwortlich ist. Die, in der ganz zufällig auch die Begriffe Biss und Zwielicht auftauchen. Und High-School-Mädchen. Und Vampir. Ganz zufällig.“
„Ach, lass doch die ganzen Trittbrettfahrer. Die besten Geschichten schreibt eben das wahre Leben selbst.“
„Die besten Geschichten? Das wahre Leben? Mit Vampiren? Als Mehrteiler?“, ich mustere den Kater. Erst ungläubig, dann erstaunt. Sind das da kleine spitze Vampirzähne, von denen Blut tropft?
„Du Idiot.“, sagt der Kater, der meinen leicht erschrockenen Blick offensichtlich richtig gedeutet hat und dreht sich wieder zu seinem Kirschwein um.
„Immer diese leichtgläubigen Menschen.“, sagt er, „Heutzutage weiß doch jeder, dass Vampir-Kater im Sonnenlicht glitzern.“