Soziale Netzwerke

„Ich soll dich von Xenia grüßen.“, sage ich.
„Von wem?“, fragt der Kater.
„Von Xenia. Ich war früher mal mit ihr in einer Klasse.“, sage ich.
„Aha. Und woher kenne ich Xenia?“
„Wahrscheinlich gar nicht.“
„Und woher kennt Xenia mich?“
„Internet.“
„Internet?“, der Kater schnaubt verächtlich, „Du meinst diesen aus den Fingern gesogenen Mist, den du da über mich schreibst und den dir hoffentlich keiner, aber auch wirklich keiner abnimmt!“
„Was weiß ich. Vielleicht hat sie dich auch einfach nur bei Facebook oder StudiVZ gefunden und findet dich süß. Irgendwie muss man doch den ersten Schritt wagen.“
„Süß? Ich bin doch nicht süß, verdammt noch mal. Und sie kennt mich doch gar nicht. Wie kann sie mich da bitteschön süß finden?“
„Na ja.“, sage ich, „Sie könnte immerhin deine Lieblingsbücher und deine Vorliebe für klassische Musik kennen, könnte wissen, dass du ein Faible für Filme von Stanley Cubric hast, gerne ins Theater gehst und bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf für, na ja, du weißt schon für wen gemacht hast. Von deinen Hobbys ganz abgesehen. Und sie könnte natürlich wissen, dass du single bist.“
Der Kater schweigt einen Augenblick.
„Oh, und ich glaube, sie könnte die Bilder von neulich Abend gesehen haben, als du mit mir und den Jungs in der Kneipe warst.“, füge ich hinzu.
„Hättest du mich da bloß nicht drauf verlinkt.“, murrt der Kater.
„Ach, so schlimm sahst du doch gar nicht aus. Du hattest ja noch nicht mal was getrunken. Die Bilder würden selbst die prüdeste Personalabteilung nicht abschrecken.“
„Ich hätte mich niemals bei dem Mist anmelden sollen.“, seufzt der Kater.
„Hast du neuerdings was dagegen, wenn dir junge Damen ihr Interesse bekunden?“
„Ach, von diesem Social-Network-Kram hat doch keiner was. Und es ist doch komisch, von wildfremden Leuten gegrüßt zu werden, von den man sein Leben lang noch nichts gehört hat. In meinem Fall sogar schon fünf Leben lang.
„Ach, komm schon, du siehst das doch nur so mürrisch, weil du bei Facebook weniger Freunde hast als ich.“, sage ich.
„Dafür hab ich aber mehr Pinnwandeinträge!“, schnaubt der Kater triumphierend, springt vom Schreibtisch und mach sich in Richtung Küche davon.