Der Kater kommt mit einer großen, hellblauen Plastiktüte durch die Tür, die er mühevoll hinter sich herzieht. Offensichtlich war er bei einer Filiale einer großen, überregionalen Buchhandelskette.
„Was hast du denn da verbrochen?“, frage ich ihn.
„Gar nichts, ich war nur beim Buchhändler.“, antwortet er.
„Beim Buchhändler? Sieht für mich mehr nach moderner, umsatzorientierter, unpersönlicher Kundenabfertigung im großen Stiel aus. Von der unvertretbaren Expansionspolitik einmal abgesehen.“
Der Kater geht geflissentlich über meinen Kommentar hinweg.
„Was hast du dir denn gekauft?“, frage ich weiter, „Wieder was von Nietzsche oder Schopenhauer?“
„So einen dicken Wälzer, über Orks, Trolle und andere böse Monster.“
„Fantasy.“, stelle ich erstaunt fest, „Wie heißts denn?“
„Die Feen.“
„Von Wagner?“
„Nein, von irgendeinem Jungspund von Schreiber. Ich hab die Verkäuferin gefragt, was sie mir denn in dem Bereich empfehlen könne. Ich wollte mal was Neues ausprobieren.“
„Oha.“
„Und die Fortsetzung habe ich mir auch gleich gekauft. Der Kampf der Feen.“
„Was für ein geistreicher Titel. Erst kamen Die Orks, dann Die Trolle, Die Zwerge, Die Elfen, Die Kobolde, Die Drachen, jetzt Die Feen. Wo soll das denn noch hinführen?“, frage ich, „Das ist doch alles bloß einfallsloser Kommerz.“
„Seit wann schimpfst du denn auf Kommerz?“, will der Kater wissen.
„Oh, tschuldige. Ich glaube, du färbst ein wenig ab.“
„Das kann ja nur gut für dich sein.“
„Ansichtssache.“, murmle ich.
„Was sagst du?“
„Ach, nichts.“
„Was hast du denn jetzt gegen das Buch?“
„Nichts. Das ist nur mindestens genauso schlimm, wie dieser neue Pocahontas-In-Space-Verschnitt, der zur Zeit im Kino läuft und vollkommen zu Unrecht als bester Film aller Zeiten gefeiert wird. Das ist keine Kunst, das ist einfach nur effekthascherisches Blendwerk. Weiter nichts. Mit den Büchern ist es doch der gleiche Mist. Viel Tamtam und nichts dahinter. Ich frage mich bis heute, wie man so viel Nichts auf so viele Seite bannen kann, dass dabei jedes Mal ein Todschläger von einem Wälzer rauskommt. Und wenn er dich nicht mit der Seitenzahl todschlägt, dann mit der Langeweile.", ich mache eine bedeutungsschwangere Pause, „Zeig mal her das Buch.“, sage ich dann.
Der Kater greift in die Tasche, zieht eines der beiden Bücher heraus und reicht es mir. Ich lese laut von der Rückseite vor:
Nach den sensationellen Bestsellern Die Orks und Die Elfen jetzt Die Feen!
Sie denken wirklich, Sie kennen alle Völker der Fantasy? Sie sind mit den Zwergen durch dunkle Stollen gehuscht, haben mit den Orks grauenvolle Schlachten geschlagen und mit den Elfen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Fantasy, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn eine dunkle Bedrohung zieht über das Land hinauf und allein die Feen sind dazu bestimmt, ihr entgegenzutreten.
Der Fantasy-Roman des Jahrzehnts!“
„Was soll denn dieser satirische Unterton?“ fragt der Kater
„Ach nichts.“, sage ich.
„Jetzt hab dich mal nicht so. Du hast doch selbst das halbe Regal voll mit solchem Kram. Von deiner Kolumne mal ganz abgesehen. Du bist doch nur neidisch, dass du es selbst noch nicht geschafft hast, irgendwas zu publizieren.“
„Stimmt doch gar nicht.“, sage ich.
„ Nach den sensationellen Bestsellern Der Hund und Der Hamster jetzt Der Kater!“, äfft der Kater nach, „Sie denken wirklich, sie kennen alle Haustiere? Sie sind mit den Hunden morgens um halb sechs Gassi gegangen, haben ihren Hamster tief in der Nacht in seinem Laufrad gehört und mit den Goldfischen für das Gute gekämpft?
Lesen Sie nun endlich die Geschichte einer der wohl unterschätztesten, schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Haustierwelt, die um ihr Überleben fürchten müssen. Denn ein dilletantischer Schriftsteller wirft ein vollkommen falsches Licht auf sie! Und allein die Kater sind dazu bestimmt, ihm entgegenzutreten.
Der Haustier-Roman des Jahrhunderts!“
Dienstag, 16. Februar 2010
Literaturschund
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