Hausaufgaben

„Du glaubst es nicht.“, sage ich zum Kater, „Aber heute Morgen bin ich aufgewacht und hab mir gedacht: Boah, jetzt ne Textanalyse, das wär geil.“
„Echt?“, fragt der Kater.
„Ne.“, sage ich, „Ist ne Hausaufgabe zur Abiturvorbereitung.“
„Und was genau müsst ihr da analysieren?“
„Ne Kurzgeschichte.“
„Schon wieder NS-Aufbereitung?“
„Schon wieder NS-Aufbereitung.“
„Und? Hast du schon angefangen?“
„Ne.“, sage ich, „Jedes Mal, wenn ich mich einem Text mit der Absicht nähere, ihn mit einem Skalpell in meinen Laienhänden zu sezieren, dreht sich mir der Magen um. Ganz zu schweigen davon, dass ich mir sowieso von vornherein darüber bewusst bin, dass die Ergebnisse ganz sicher mal wieder nicht deckungsgleich zu denen sind, die meine Lehrerin von mir erwartet.“
„Oh.“, sagt der Kater, „Du leidest also an IWULÜMP“
„An was?“
„Interpretations-Wahn-Und-Lehrer-Überinterpretations-Meinungssingularismus-Phobie.“
„Das klingt hart.“
„Ist aber nicht unheilbar. Zum Glück. Über 67 Prozent der Betroffenen können wieder beinahe vollkommen genesen.“
Der Kater zieht sich einen kleinen weißen Arztkittelan an und hängt sich ein Stethoskop um den Hals.
„Was Sie brauchen“, sagt er zu mir, „ist ein Schluck meiner besten Medizin. Aber als nicht offiziell zugelassener Arzt muss ich Ihnen die Behandlung leider Bar und auf Vorkasse berechnen. Fünf Euro.“
Ich lache.
Der Kater lacht nicht.
„Oh.“, sage ich, „Du meinst es ernst.“
„Natürlich meine ich das ernst.“
„Und die Medizin wirkt?“
„Hundertprozentig.“
„Eben waren es noch 67.“
Der Kater schaut mich ernst an. Ich krame ich fünf Euro aus meinem Portmonee und gebe sie ihm, bevor er in der Küche verschwindet. Es scheppert, dann brodelt es und klirrt. Schließlich kommt er mit einer Tasse in den Pfoten zurück.
„Da, trinken Sie das.“, sagt er.
„Das ist Pfefferminztee.“, sage ich.
„Es riecht nur so.“
Ich nippe an der Tasse
„Und es schmeckt so.“, sage ich, „Dafür hast du mir fünf Euro aus der Tasche gezogen? Für eine Tasse Pfefferminztee?“
Der Kater legt das Stethoskop weg und zieht den Kittel wieder aus.
„Bist du mit dem Arzt etwa unzufrieden?“, fragt er mich, während er sich einen braunen Anzug anzieht und einen kleinen Aktenkoffer hervorholt, „Gegen ein verhältnismäßig geringes Honorar könnte ich ihn verklagen.“