„Was suchst du denn da?“, fragt der Kater.
„Ach, nur meine alten Praktikumszeugnisse.“, sage ich, während ich meinen Kopf aus einem großen Umzugskarton hebe.
„Aha.“, sagt der Kater.
„Ja, mir ist gestern Abend schlagartig klar geworden, dass ich in diesem Jahr, wenn denn alles gut läuft, mit der Schule fertig bin.“
„Mhm.“
„Und da würde es ja dann doch so langsam mal Zeit werden, sich zu bewerben. Bei Ausbildungsbetrieben, Universitäten, dem kleinen Kiosk um die Ecke oder bei Pizza Flizza.“
„Aha.“
„Und zumindest bei ersteren wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich wenigstens eine Bescheinigung über die Praktika vorweisen könnte.“
„Ja, ja.“, sagt der Kater gedankenabwesend, während er wieder ein wenig Holz und ein paar zerknüllte Blätter Papier in den Kamin wirft.
Ich lasse mich erschöpft neben dem kleinen Stapel an Umzugskartons fallen, die ich aus dem Keller geholt habe. Vor mir auf dem Boden erstreckt sich mittlerweile eine Vielzahl von Ordnern, Papieren und alten Zeitungen, von denen ich schon gar nicht mehr weiß, warum ich sie überhaupt aufgehoben habe.
„Was sind schon Zeugnisse und Praktikumsnachweise?“, fragt der Kater plötzlich.
„Naja, heutzutage brauchst du sogar das Abitur, wenn du nur an der Pommesbude arbeiten möchtest. Außerdem wird vom professionellen Pommes District Manager und Sales Representative doch mindestens fließende Fremdsprachenkenntnis verlangt.“, sage ich.
„Ach, immer dieser Leistungsdruck.“, sagt der Kater und schnaubt verächtlich, „Wenn du mit der Schule fertig bist, sollst du nebenbei am Besten gleich noch fünf Praktika und ein Auslandsjahr hinter dir haben, außerdem die Teilnahme an ungezählten Arbeitsgemeinschaften und soziales Angagement innerhalb und außerhalb der Schule. Von einem Schnitt, der nicht schlechter als eins komma vier sein darf ganz zu schweigen.“
„Hmm.“, sage ich.
„Und du unterwirfst dich diesen Zwängen auch noch!“, sagt der Kater.
„Ich unterwerfe mich diesen Zwängen auch noch?“, frage ich.
„Ja, genau, du unterwirfst dich diesen Zwängen auch noch!“, sagt der Kater.
„Aha.“, sage ich, „Warum?“
„Na, weil du derart viel Zeit und Energie verschwendest, nur um ein paar Stücke Papier zu finden, die für dich noch nicht einmal einen besonderen emotionalen Wert haben. Du brauchst sie nur, um in der Gesellschaft zu funktionieren.“
„Aha.“, ich klinge noch nicht ganz überzeugt.
„Du klingst noch nicht ganz überzeugt.“, stellt der Kater fest
„Nein, ich klinge noch nicht ganz überzeugt.“, sage ich überzeugt.
„Hmm.“, der Kater schweigt einen Augenblick. Dabei wirft er wieder ein paar Blatt Papier ins Feuer.
„Ich wusste gar nicht, dass du damals bei deinem Praktikum sogar im Kassenbereich eingesetz wurdest.“, sagt er, während er zusieht, wie das maschinenbeschriebenen und handunterzeichnete Papier langsam verbrennt und zu einem schwarzen Häufchen Asche wird.
Donnerstag, 14. Januar 2010
Praktikumszeugnisse
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