Von Recht und Unrecht der Rechtsprechung

„Komm mal eben.“, ruft der Kater aus der Küche.
Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und gehe zu ihm.
„Ich kann nichts dafür.“, sagt der Kater. Er sitzt vor der geöffneten Kühlschranktür. Um ihn herum liegt beinahe der gesamte Vorrat an Lebensmitteln, den unsere Küche zu bieten hat. Der Kühlschrank ist komplett ausgeräumt. Der gegenüberliegende Einbauschrank auch. Nur an die oberen Fächer ist der Kater nicht herangekommen.
„Ich war auf der Suche nach dem Lachs.“, sagt der Kater.
Ich schweige.
„Kannst du mir sagen, wo er ist? Ich kann ihn nämlich beim besten Willen nicht finden.“
Ich schweige weiter.
„Oder haben wir etwa gar keine Lachs da?“, fragt der Kater.
„Doch, wir haben Lachs da.“, sage ich langsam. Sehr langsam.
„Oh, gut. Wo denn?“, will der Kater wissen.
„Er ist da oben. Im Kühlschrank. Ganz hinten.“, sage ich.
„Holst du ihn mir raus? Ich komm da nämlich gar nicht ran.“
„Deswegen steht er da.“, sage ich, „Außerdem bekommst du von mir in nächster Zeit kein Lachs-Baguette mehr.“
„Warum das denn?“, fragt der Kater mit weiten Unschuldsaugen.
„Weil du unsere Küche verwüstet hast.“
„Wann das denn?“, will der Kater wissen.
„Gerade eben.“, sage ich.
„Habe ich gar nicht“, widerspricht er.
„Schau dich mal um. Wonach sieht das hier denn für dich aus?“, frage ich, „Nach preußischer Ordnung?“
„Na ja, vielleicht eher nach hundertwasserscher Ordnung.“, der Kater lässt seine Augen prüfend über das Chaos wandern, „Oder nach Kandinski.“
„Das kann doch nicht wahr sein.“, sage ich.
„Glaubst du etwa nicht mehr an die Realität?“, fragt der Kater.
„Doch. Und ich glaube an eine Realität ohne Lachs für dich.“
„Warum? Was ist denn daran so schlimm, dass ich den Lachs suche?“
„Nicht das Suchen ist schlimm. Nur deine Methode.“
„Dann musst du mir das vorher doch sagen.", sagt der Kater, „Das war nicht unter unseren vereinbarten Regeln aufgeführt.“
„Aber es ist doch vollkommen selbstverständlich, dass man nicht anderer Leute Küchen zerstört!“, rufe ich außer mir.
„Zum Pinkeln das Katzenklo benutzen, nicht mit dreckigen Pfoten über den Teppich laufen, nicht die original Cola-Gläser benutzen, nicht an den Laptop gehen.“, beginnt der Kater die festgelegten Regeln für seine Duldung zu rekapitulieren, „Du kannst mich doch jetzt nicht für etwas bestrafen, das zu dem Zeitpunkt, zu dem ich es getan habe, nämlich vor fünf Minuten, noch gar nicht strafbar war. Das ist Unrecht!“, der Kater stapft entschlossen mit einer Pfote auf.
„In meinen Augen war es Strafbar. Und Unwissenheit schützt bekanntermaßen vor Strafe nicht.“
„Ach.“, sagt der Kater, „Und das sagt ausgerechnet mein Mittäter.“
„Dein Mittäter?“, ich kann der Logik des Katers nicht so ganz folgen.
„Ja, natürlich, was denn sonst? Schon Adenauer hat gesagt, dass man durch ein Unterlassen genauso schuldig sein kann, wie durch das Handeln selbst.“
„Hat er das?“
„Ja.“
„Und was habe ich in deinen Augen unterlassen?“
„Du hast unterlassen, mir beim Lachssuchen zu helfen.“
„Ich konnte gar nicht wissen, dass du Lachs suchst. Wie hätte ich dir da helfen sollen?“
„Ja, ja, das sagst du jetzt so. Wenn jemand der alten Oma auf der Straße die Handtasche klaut, wartest du doch auch nicht erst, bis sie auf dich zukommt und sagt: Hören Sie mal Jungchen, der dreiste Kerl da hinten, der, der so schnell rennt, hat meine Handtasche geklaut. Ob Sie mir vielleicht eben helfen würden?“
Ich schlage meine Hände über dem Kopf zusammen. Mit Katern lässt sich nicht diskutieren.
„Kein Lachs.“, sage ich dann, „Nie mehr.“
„Der von euch, der Frei von Sünde ist“, beginnt der Kater.